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Ein großer Fisch



 
Galaktisches Jahr 235 111
Tag 855

1
"Interworld Explorer 17" näherte sich dem Zielplaneten im System Sol, aber an Bord herrschte durchaus keine Hochstimmung. Die Steuerung des Treibstoffbehälters machte Sorgen, und mit 1 kg  Antimaterie war nicht zu spaßen. Man musste so schnell wie möglich wassern. Der Zielplanet war zu zwei Dritteln mit Wasser bedeckt, ideal für die Be-siedlung. Jetzt blieb keine Zeit den günstigsten Meeresteil zu suchen. Der Kapitän gab Anweisung, im direkten Anflug zu wassern. Das Durchstoßen der Atmosphäre verlief störungsfrei, die auf dem Raumflug gesammelte Opfermaterie erwies sich als reichlich: Die Temperatur im Inneren des Schiffes stieg nur um 0,2 Einheiten. Die Astronauten atmeten auf: Jetzt würde man an die Arbeit gehen und die Reparaturen durchführen können. Derweil analysierten die Physiker das Wasser: es war viel Natrium-chlorid- haltiger als erwartet.

2
Die ungewohnte Zusammensetzung des Wassers zwang zum Tragen schwerer Schutzanzüge bei der extravehikulären Aktion.  Die Tech-nikergruppe schwamm zum An-triebsmodul am Heck des Schiffes, und begab sich in den Steuerungsraum. Die Reparatur war eigentlich nicht schwierig, erforderte aber eine zeitraubende Prozedur. Die Arbeit  wurde erschwert durch Bewegungen des Schiffes; das Meer schien mehr und mehr in Bewegung zu geraten. Dabei war man doch vorsichtshalber in einer schützenden Bucht gelandet! Der Astrometeorologe sprach von einem Sturm in der Atmosphäre.

3
Man glaubte schon sich an die schwierigen Arbeitsbedingungen gewöhnt zu haben, als das Schiff durch überaus heftige Stöße erschüttert wurde. Der Reparatur wurde am nächstmöglichen Punkt der Checkliste unterbrochen, die Reparaturgruppe kehrte mit großer Mühe in den vorderen Teil des Schiffes zurück. Der Astrometeorologe hat auch für die neuen Phänomene eine Erklärung: Es handele sich um ein Seebeben, das Schiff sei wohl unglücklicherweise in eine vulkanisch aktive Region geraten. In der engen Bucht könnten die Beben zu besonders heftigen Bewegungen des Wassers führen. -Wenig später wurde das Schiff um und um gewirbelt. Es gab viele Verletzte, darunter war der Astrometeorologe. 

4
Als die Stöße nachließen und die Astronauten in der Lage waren die Situation zu analysieren, fanden sie zu ihrem Erschrecken das Schiff auf festen Boden liegend, mehrere Längenein- heiten vom Wasser entfernt. Das bedeutete zwar keine unmittelbare Lebensgefahr. Aber wie sollte man das Schiff wieder ins Wasser bekommen? Oder sollte man versuchen von Land aus einen Notstart zu machen?

5
Auf jeden Fall musste man die Reparatur an der Tanksteuerung zu Ende bringen. Dazu war eine neue extravekikuläre Aktion nötig, diesmal durch die gasförmige Atmo-sphäre. Glücklicherweise waren die Schutzanzüge auch dafür geeignet. Der Reparaturtrupp begab sich nach draußen und kroch den Schiffsrumpf entlang zum Heck. Da bemerkten sie eine gewaltige dunkle Masse die sich ihnen näherte.

6
"Alarm! Angriff fremde Lebensform!"
Der Kapitän gab den Befehl zur Verteidigung mit Hochspannungs-stromstößen . Der Waffenschütze brauchte nur Sekunden um den ersten Impuls auszulösen.

7
"Bei primitiven Lebensformen müs-sen wir immer mit Racheakten rechnen!" bemerkte der Exopsycho-loge. Der Kapitän gab den Befehl sofort die Abwehrlaser bereit zu machen. Gewaltige Felsbrocken flogen von allen Seiten auf das Schiff zu. "Feuer!" Es war ein gutes System, es war ausgelegt um sechs Angreifer gleichzeitig abzuwehren.  Es erwies sich als besser als spezifi-ziert: es vernichtete acht der anflie-genden Geschosse.  Vier Brocken aber trafen den Rumpf des Schiffes.
Einer traf die Antriebseinheit.
 

Im fünften Regierungsjahr des Fürsten, 
ein Tag im Frühjahr.

1
Ein Dutzend Männer näherte sich der Insel. Nach wiederholten Erdbeben hatten die Bewohner sie verlassen und hatten sich auf einer Nachbarinsel im Norden niedergelassen. Ihre mit wunderbaren Fresken geschmückten Häuser hatten
sie freilich zurücklassen müssen. Die kleine Gruppe sollte im Auftrage des Fürsten den alten Palast nach zurückgebliebenen Werten durch- suchen.  Die Männer landeten an der Südwestküste, zogen ihr Schiff auf den Strand und entzündeten , da der Abend bereits hereinbrach, ein Lagerfeuer. Die Sterne über ihnen funkelten stark – sollte es Sturm geben? Und dann noch dies: eine hell gleißende Sternschnuppe schien vor ihnen ins Wasser zu stürzen. Die Männer diskutierten erregt und besorgt: so etwas hatten sie noch nie gesehen. War es eine Warnung der Götter?  Aber was konnten sie anderes tun als den Auftrag ihres Fürsten zu erfüllen?
 


Die Männer nutzten die Kühle des frühen Morgens um auf die Höhe zu steigen. Die Häuser waren großenteils Ruinen. Besonders die mehrstöckigen Bauwerke waren zusammengestürzt. Asche und leichter vulkanischer Auswurf hatte sich angesammelt. Andererseits waren manche  Fresken erstaunlich gut erhalten: Da war ein Jüngling mit zwei Bündeln Fischen. Da war die alte Hauptstadt mit ihren hohen Mauern; in den Hafen lief gerade ein minoisches Schiff ein.  - Das Durchsuchen der Ruinen war nicht ungefährlich. Aufkommender Sturm trieb den Männern Sand in die Augen.


Fluchend und schimpfend gingen die Männer ihrer Arbeit nach. Wo-nach  der Fürst zu suchen ihnen aufgetragen hatte, war allerdings nicht zu finden. Ein leises Zittern des Bodens unter ihnen ließ die Männer erstarren. Gleich darauf setzten Erdstöße ein. Panik ergriff die Männer, sie stürzten ins Freie und kämpften sich strauchelnd zwischen weiter zusammenfallenden Ruinen aus der Stadt. So schnell sie konnten rannten sie hinunter zum Strand. Dort fanden sie das Meer in Aufruhr: Mit jedem der neuen Erdstöße wurde das Toben der durcheinander laufenden Wellen wilder. Die Männer flohen den Bereich der immerhöher auflaufenden Tsunamis , warfen sich auf einer kleinen Anhöhe auf den Boden und schrieen zum Meererschütternden Gott. 

4
Als Erdstöße schließlich wieder nachließen und die Männer aufzu-stehenden wagten und sich um-schauten, fanden sie über der alten Stadt noch eine Staubwolke stehen. Sie gingen hinunter zum Strand, um ihr Boot zu sichern, doch es war verschwunden. Wie sollten sie jetzt wieder zu ihrer Insel zurückkommen? Aus alten Balken der Stadt so etwas wie ein Floß zusammenbinden?

5
Auf dem Strand lagen viele vom Meer ausgespienen Fische, manche noch japsend.  Ein mannslanger, bläulich schimmernder Fisch  mit hell leuchtenden Flecken erregte die besondere Aufmerksamkeit  der Männer: So etwas hatten sie noch nie gesehen. Auf dem schlanken Fischrumpf krochen schwärzliche Krabben entlang. Einer der Männer streckte die Hand aus um den Fisch zu betasten.

6
Der Mann berührte den Fischkörper, der sich ungewohnt warm anfühlte.
Dann fuhr im ein Schlag durch den 
Körper, seine zusammen zuckenden Muskeln schleuderten meterweit in den Sand.

7
Der Mann blieb benommen liegen, die anderen standen verwirrt um ihn herum. Als er wieder zu sich kam, keuchte er : "Das Biest sticht! Macht es tot!" Die Männer blickten sich nach Waffen um. Mit dem kleinen Bronzemessern an ihrem Gürtel war nichts bestimmt nichts auszurichten. Sie griffen zu großen Felsbrocken von denen genug am Strand herumlagen. Ein Steinhagel ging auf den Fisch nieder. Ein paar der Brocken lösten sich noch in der Luft in leuchtende Sterne auf, aber einige fanden auch ihr Ziel.
 

8
Als der Felsbrocken die Antriebseinheit des Schiffes traf, beschädigte er den Antimaterietank. 1 kg Antimaterie reagierten mit der Materie des Schiffskörers und setzten eine gigantische Energiemenge frei, vergleichbar mit der gleichzeitigen Zündung von ein paar zig Wasserstoffbomben. Die Explosion wirkte wie ein riesiger Vulkanausbruch, ließ auch Magma austreten, und schuf eine Caldera von 6km Durchmesser. Die hochgeschleuderte Materie verdunkelte wochenlang den Himmel, wovon altägyptische Quellen berichten. Der Tsunami richtete in weitem Umkreis große Schäden an. Er war möglicherweise  auch für den späteren Zusammenbruch der minoischen Kultur verantwortlich.

Nach dem Ereignis von 1628 vor Christi Geburt blieb die Insel selbst ein halbes Jahrtausend unbewohnt. In der Gegenwart ist Santorin (oder auch Thira) ein beliebtes Ziel für Touristen. Einige der alten Fresken wurden ausgegraben und sind heute wieder zu bewundern. Die kleinen Inseln inmitten der Caldera zeigen noch heute vulkanische Aktivität.
 

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