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Tief unten

1

„Freunde, wir stehen vor einer schweren Entscheidung!“

Mit dem Farbenspiel seiner zweiten Stielaugen unterstrich der Missionskommandie-rende die Bedeutung seiner Worte und erzwang volle Aufmerksamkeit. Sechzehn Paar Fühler kamen zur Ruhe.

„Wir stehen vor der Frage ob die Zeit gekommen ist aktiv in die Geschehnisse an der Oberfläche dieses Planeten einzugreifen!“

Sechzehn Paar Stirnaugen weiteten sich erwartungsvoll. Nach einer Kunstpause fuhr der Kommandierende fort.

„Es ist jetzt 43 Jahre unserer eigenen Zeitrechnung her - 145 Jahre nach den astro-nomischen Bedingungen dieses Planeten - seitdem wir hierher kamen. Wir haben erfolgreich diese unsere Basis am Boden des Meeres errichtet, wir haben zahllose Expeditionen durchgeführt um die Möglichkeiten der Besiedlung dieses Planeten zu erforschen. Wir haben einen umfangreichen und im Grundton positiven  Bericht an unsere Regierung abgesetzt. Wenn alles klar wäre könnten die ersten echten Siedler in 38 Jahren unserer Zeitrechnung hier eintreffen. Aber es ist nicht alles klar!

Mit besonderer Aufmerksamkeit haben wir dem Verhalten der Spezies Oben-1 an der Oberfläche des Planeten gewidmet.  Diese Spezies hat sich in der Zeit unserer An-wesenheit auf diesem Planeten in  erstaunlicher Weise entwickelt. Einerseits hat Spezies Oben-1 außerordentliche technologische Fortschritte gemacht. Andererseits zerfällt sie weiterhin in verschiedene Populationen die sich in ganz irrationaler Weise mit allen Mitteln ihrer neuen Technologien bekämpfen. Um aber ihre Technologien einsetzen zu können, brauchen sie viel Energie, und dazu leeren sie in immer schnelleren Maße die Kohlenwasserstoffreservoire dieses Planeten – und das unge-achtet der Tatsache dass sie mit dem heißen Verbrennen dieser Kohlenwasserstoffe auch noch die Atmosphäre schädigen auf die sie doch angewiesen sind.

Um flüssige und gasförmige Kohlenwasserstoffe zu gewinnen bohren sie die Erd-kruste nunmehr auch in immer größeren Meerestiefen an.   Und genau das ist das Problem – Spezies Oben-1 kommt damit unseren Plänen in die Quere und droht das gedeihliche Zusammenleben von vornherein unmöglich zu machen auf das wir doch gehofft haben und hoffen: Sie oben in der Atmosphäre, wir unten im Meer.

Wie können wir Spezies Oben-1 daran hindern in immer tieferen Meeresteilen nach Kohlenwasserstoffen zu bohren? Das ist die Frage – und wir müssen eine Antwort darauf finden!“

Es erhob sich eine lange und hitzige Diskussion; Lösungen wurden angedacht und wieder verworfen. Der entscheidende Vorschlag kam vom Ersten Expeditionspsycho-logen:

„Freunde, eines scheint doch klar zu sein: Wir können Spezies Oben-1 nicht gewalt-sam zwingen ihre Aktivitäten aufzugeben. Für eine kriegerische Auseinandersetzung sind wir  - noch! – zu schwach. Wir müssen Spezies Oben –1 also dazu bringen aus eigenem Antrieb das Bohren aufzugeben. Auf Argumente der Vernunft dürfen wir nicht hoffen – Spezies Oben-1 ist mit Vernunft nur spärlich ausgestattet. Meine aktu-elle Versuchsreihe beweist es mal wieder.

Ich schlage folgendes vor:
 
In jener großen Bucht die wir aus Gründen der einfacheren Nutzung gewonnener Informationen nach dem Sprachgebrauch der Spezies Oben-1 als „Golf von Mexiko“ bezeichnen, laufen jetzt immer mehr Tiefbohrungen. Wir wissen dass die lokale O-ben-1 – Population in Sicherheitsfragen sehr nachlässig ist. Wenn wir einen Unfall beim Bohren auslösen der zum Freisetzen großer Mengen flüssiger Kohlenwasser-stoffe führt, dann werden diese überall in der halbkreisförmigen Bucht an Land trei-ben und große Schäden anrichten. Die Oben-1-Bevölkerung wird die Einstellung der Bohrungen erzwingen ... und wenn sie sich wirklich beruhigen lässt und man bohrt weiter, dann müssen wir die Aktion eben wiederholen.“

„Klingt gut – aber wird man nicht Sabotage vermuten und uns entdecken?“ meinte ein Skeptiker.

Der Kampfkommandeur fühlte sich angefasst und protestierte. Er war ein recht eitler Bursche, trug Goldringe um die zweiten Stielaugen, aber niemand zweifelte an seiner Versicherung:
„Wenn wir den Unfall auslösen wird es keine Spuren geben!“

„Aber man wird doch nach den Ursachen suchen, man wird Sabotage vermuten auch wenn man es nicht gleich beweisen kann!“ beharrte der Skeptiker.

„Nicht wirklich ein Problem!“ beruhigte der Erste Expeditionspsychologe. „Es gibt mehrere Oben-1-Populationen die selber Kohlenwasserstoffe gewinnen, bequem an Land oder im flachen Wasser, die haben etwas dagegen dass sich die Population im Problemgebiet durch Tiefwasserbohrungen unabhängig macht...“

„Aber könnten die denn unentdeckt eine Sprengladung, einen Torpedo oder so etwas zum Einsatz bringen?“ zweifelte der Skeptiker wieder.

„Warum nicht? Es gibt große Luxusyachten die an Bord ein kleines U-Boot mitführen, da könnte man auch Torpedos stauen. Oder Kampfschwimmer in Selbstmordmission losschicken ..... die sind wirklich so verrückt!“ setzte er nachdrücklich hinzu als er schlecht unterdrückte Körpersignale des Zweifels bei seinen Kameraden bemerkte.

Nach einigem Hin-und-Her wurde der Kampfkommandeur mit der Vorbereitung der Aktion beauftragt.

Zwei volle Gezeitenzyklen später verließ der Bodencrawler mit ausgesuchter Besat-zung die Schleuse der Basis. Er sollte sich, in langsamer Bewegung und gut getarnt,   unentdeckt dem Bohrungsgebiet nähern und dort zielsuchende Waffentorpedos ab-setzen, die dann Bohrplattform und Bohrlochventil zerstören sollten.

2

Der Erste Expeditionspsychologe war in der nächsten Zeit sehr beschäftigt, er verließ sein Labor kaum. Einem Expeditionsteam war es gelungen ein paar schiffbrüchige Oben-1  abzufischen. Die wollte er nun dazu benutzen sein Psychomodell für die Oben-1 zu ergänzen und auf den neusten Stand zu bringen. Die Grundstruktur musste doch bei allen gleich angelegt sein; wie kam es aber dann dass sie sich so sehr unterschiedlich verhielten? Besaßen sie tatsächlich höhere Fähigkeiten? Er wusste nicht wie lange er seine Laborexemplare würde am Leben halten können, so arbeitete er geradezu verbissen.

Er bekam aber doch die Neuigkeiten von der Oberfläche mit:

Eine Bohrplattform, von den Oben-1 als „Deepwater Horizon“ bezeichnet, war explo-diert und in einem gewaltigen Feuer untergegangen, viele Oben-1 waren dabei um-gekommen. Beim Sinken zerriss die Plattform das Leitungsrohr vom Meeresboden nach oben, das Bohrlochventil wurde beschädigt. Seitdem strömten große Mengen Kohlenwasserstoffe aus, trieben teils als dunkle Schwaden im Meer, teils als bräun-lich schimmernde Masse an seiner Oberfläche. Wie vorhergesagt erreichten die Koh-lenwasserstoffe die Küsten rund um die große Bucht und bedeckten sie mit zäher brauner Schmiere, tödlich für alles Leben das mit ihr in Berührung kam. Die lokale Oben-1-Population fürchtete ihre Lebensgrundlage, Wut und Verzweiflung breiteten sich aus. Der für die Bohrplattform verantwortlichen Firma war es bislang nicht ge-lungen das Bohrloch zu verschließen. Der Präsident der regionalen Oben-1 Popula-tion gab sich zornig und drohte, war aber völlig machtlos. Eine Diskussion entstand darüber, ob, wie und wann man auf andere Energiequellen übergehen könne.
 
Kurz gesagt: Die Aktion war ein voller Erfolg, alles lief wie der Erste Expeditionspsy-chologe vorhergesagt hatte.

3
Der Bodencrawler kehrte zurück.  Der Erste Expeditionspsychologe traf den Bord-kommandierenden  in der Kantine, er beglückwünschte  ihn zur erfolgreichen Durch-führung der Mission. Alles war wohl schneller gegangen als geplant, hätte er nicht erst in einen Gezeitenzyklus später zurückkehren sollen?

Der Bordkommandierende des Bodencrawlers antwortete nachdenklich:
“Wir sind zu früh weil wir zu spät waren!“

„???“   Der Erste Expeditionspsychologe verstand nicht.

„Nun ....  wir hatten uns dem Zielobjekt auf den Abstand entsprechend drei kurzen Meereszyklen genähert, waren also durchaus noch nicht in Schussweite,  als das Zielobjekt explodierte! Unsere Seismographen zeichneten die Erschütterung auf, wir konnten die öffentliche Kommunikation der Oben-1 verfolgen wie Sie hier auf der Ba-sis. Wir wurden zurückbeordert.“

„Aber ... wieso ist denn dann die Plattform explodiert?   Sollte .... sollte tatsächlich eine Oben-1-Population, zuhause in einer anderen Region des Planeten und mit an-derer Interessenslage, Sabotage begangen haben?“

„Sie haben es doch selber als Möglichkeit vorhergesehen! Oder glauben Sie an ei-nen Zufall?“ meinte der Bordkommandierende.

„Ja, ja ... die komplizierte irrationale Psychostruktur der Oben-1 ließ – lässt -  es mög-lich erscheinen, aber ich habe es nicht wirklich geglaubt.“

Der Erste Expeditionspsychologe ließ einen seufzenden Ton aus seinen achteren Atemöffnungen entweichen. Er musste noch viel forschen um die Psyche der Oben-1 wirklich zu verstehen. Hoffentlich hielten seine Laborexemplare noch einige Zeit durch!

Oder war es doch ein Zufall, eine gewöhnliche technische Panne mit katastrophalen Folgen? Auch das war nicht auszuschließen – es gab vielerlei Belege das die Oben-1 ihre fortschrittlichen Technologien nicht völlig beherrschten.
 
 

 

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