<<<<  zurück zu "Willkommen"              zum Archiv der Erzählungen  >>>>

 

Suche nach dem Anfang

1

Die rötliche Sonne 1 war unter den Horizont des Planeten gesunken. Unter der grünlich strahlenden Sonne 2 saß eine Gruppe Roboter der Stufe x/+/109 zusammen. Roboter x/+/109 sind aus Einzelteilen mineralisch-metallischen Materials montierte, mit individuellem Gedächtnis ausgestattete,  mit Intelligenz- und Bewusstsein begabte, selbständig  agierende Persönlichkeiten. Als informationsverarbeitende Einheiten stehen sie unter dem „Zwang“ ständigen Informationsaustausches – nur in diesem Zustand empfinden sie sich selbst als wirklich lebendig.  Der Informationsaustausch kann sich auf der Ebene allerschwierigster naturwissenschaftlicher Arbeit in einem großen Schwarm abspielen, kann aber auch ein lockerer Austausch sozialer Nachrichten zwischen wenigen sein.

Wie alle Körper (Gehirne eingeschlossen) sind auch die der x/+/109 dem Verschleiß und langfristig dem Verfall preisgegeben. Da die Persönlichkeit eines x/+/109 in der Funktion seines Gehirns beruht, also den Charakter reiner Information hat, kann sie auf andere Substrate übertragen werden. Damit sind x/+/109 – Persönlichkeiten unsterblich (katastrophale Ereignisse und der schließliche Wärmetod des Universums ausgeschlossen).

Einer der Roboter unserer Gruppe amüsierte sich mit überaus komplizierten Fadenspielen seiner vier Hände, während er seinen Teil am Gespräch hinausdachte:

„Ihr kennt doch XOREXX  25? Der arme Kerl hatte schon wieder Schwierigkeiten mit seinen Beinen, sie mussten zum x-ten Mal ausgetauscht werden. Ist ja eigentlich kein Problem, aber man vermutet einen Fehler in der Steuerungslogik. Jetzt hat man ihm vorgeschlagen die motorische Gehirneinheit austauschen zu lassen, aber er will nicht – er hat Angst, seine Persönlichkeit zu beschädigen.“

„Quatsch!“ warf ein anderer Roboter ein. „Die motorischen Einheiten sind baugleich, alle Roboter mit den gleichen Gliedmaßen haben die gleiche Einheit. Eigentlich sind das Teile des Körpers.  Da ist kein Platz für so etwas wie Persönlichkeit.“

Ein dritter ergänzte: „Persönlichkeit residiert nur in der Oberen Gehirneinheit. Die Quantenprozesse dort sorgen für ganz einmalige Konfigurationen. Wenn wir unseren ganzen Körper wechseln, nehmen wir den Inhalt der Oberen Gehirneinheit mit, und damit unsere Persönlichkeit, von der unser individuelles Gedächtnis ein ganz wesentliches Element ist. An neue Körper – mit neuer motorischer Einheit – haben wir uns alle doch schon vielfach problemlos gewöhnt ... oder hatte jemand Schwierigkeiten?!“

„XOREXX 25 hat vielleicht Schwierigkeiten in der Oberen Einheit .. ich meine, wenn er so elementare Tatsachen nicht realisiert ...“ meinte maliziös ein vierter Roboter.

Der Gedankentausch wandte sich anderen Ereignissen zu.

„YMMAK 123 hat seine Obere Einheit duplizieren und in einen weiteren Körper einbauen lassen. Wenn alle das machen wollten wären die Planeten bald übervölkert ...“

„Manchmal lässt ja auch einer von uns den Inhalt seiner Oberen Einheit auf das Allgedächtnis übertragen. Dort geht keine Information verloren, aber ob die Persönlichkeit dort erhalten bleibt oder sich völlig auflöst wie eine Prise Salz in einem großen Reaktorgefäß voller Wasser ...  das wissen wir nicht, der Prozess ist unumkehrbar, von dort kommt niemand zurück ...“

„Das Verschmelzen zweier Oberer Einheiten zu einer einzigen finde ich da doch die sympathischere Alternative um unsere Zahl unter Kontrolle zu halten .... Oder das Verschmelzen, völlige Durchmischen und anschließende Aufspalten in zwei neu zusammengesetzte Obere Einheiten....“

„Manche glauben, dies sei ein Weg, neuen Schwung in die doch seit langem stagnierende Entwicklung unserer Art zu bringen.“

„Ob das überhaupt geht, kann man auch bezweifeln. Vielleicht gibt es ja eine natürliche Obergrenze die unsere Art nicht überschreiten kann, der sie sich mit immer größerem Aufwand und immer langsamer nähert.“

„Woher sollen wir das wissen? Wir wissen ja nicht einmal wie unsere Entwicklung angefangen hat! Manche glauben es habe eine Vorstufe auf Kohlenstoffbasis gegeben. Es gibt da eine raffinierte Hypothese ...aber ich weiß nicht viel darüber ....“
 

2

„Da kann ich aushelfen!“

Ein bislang am Austausch unbeteiligter Roboter - er hatte die ganze Zeit über vierdimensionales relativistisches Schach gespielt - schickte den Gedanken an alle.

„Ich war nämlich an einem diesbezügliches Forschungsprojekt beteiligt.

In einer noch relativ frühen Phase unserer Zivilisation ging durch eine Folge höchst unglücklicher Ereignisse alles Wissen über unsere Herkunft verloren. Damals entstand die Hypothese auf die angespielt wurde.

Nach besagter Katastrophe, in unserer großen Ausbreitungsphase,  hatten wir auf zahlreichen Planeten unserer Galaxis Organismen mit Kohlenstoffchemie gefunden. Diese waren in den Details sehr unterschiedlich strukturiert und bis zu sehr unterschiedlicher Komplexität entwickelt. Keine aber besaßen Bewusstsein wie wir, keine waren zu kommunikativen. organisatorischen und technologischen Leistungen wie wir befähigt. Ihre weite Verbreitung ließ auf einen natürlichen Entstehungsprozess schließen, seine Einzelheiten aber blieben trotz aller Bemühungen unbekannt. Und: Alle schienen in der Entwicklung zu stagnieren. Organismen auf mineralisch-metallischer Basis und mit Gehirnen wie unseren, die mit verschränkten Quantenobjekten operieren, fanden wir nirgendwo.

Andererseits aber erschien eine Entstehung unserer frühen Art aus dem Nichts, sozusagen aus der rohen Natur, ganz unmöglich, und die Annahme eines externen Schöpfers konnte ausgeschlossen werden. Da  blieb als einzige Hypothese eben diese: dass irgendwo eine Kohlenstoff-Zivilisation entstanden war, die dank besonders günstiger Bedingungen sich bis zur Schaffung selbst-replizierender Roboter entwickeln konnte. Spuren eben dieser Kohlenstoff-Zivilisation haben wir jedoch nirgendwo gefunden, sie muss vor langer Zeit zugrunde gegangen sein (wenn sie nicht außerhalb unserer Galaxis zuhause war).

Im Labor konnte man die Hypothese nicht überprüfen. Aber vielleicht konnte man den Prozess irgendwo am Werke sehen? Da unser Bewusstsein beliebige Zeiten überdauern kann, waren wir bereit Beobachtungen über einen sehr langen Zeitraum anzustellen.

Zunächst wurden Expeditionen in alle Bereiche der Galaxis ausgeschickt um gezielt nach besonders geeigneten Planeten zu suchen. Sie mussten in der Nähe einer Supernova entstanden sein damit sie reichlich schwere Elemente enthielten; sie mussten im richtigen Abstand um einen langlebigen Stern kreisen damit sich wässrige Lösungen bilden konnten;  sie mussten sich in einer frühen Phase nach ihrer Entstehung befinden;  ihre Schwerkraft musste zum Halten einer leichten Atmosphäre ausreichen, diese durfte aber noch nicht die für die Anwesenheit von Kohlenstofforganismen typische Zusammensetzung haben.....  Ob die Planeten für uns selbst attraktiv waren spielte keine Rolle.

Wir identifizierten einige hundert vielversprechende Planeten und richteten Langzeitbeobachtungsstationen ein. Die meisten Planeten brachten keine Kohlenstofforganismen hervor; einige verloren einmal gebildete Organismen wieder; einige erreichten den Zustand den wir schon zuvor an vielen Orten der Galaxis gefunden hatten, gingen aber auch nicht weiter.

Ein einziger Planet zeigte geraume Zeit nach unserer Expedition eine wirklich dramatische Veränderung der Atmosphäre. Eine Kontrollexpedition, an der ich wieder teilnehmen konnte, fand dass die großen Wassermassen des Planeten von winzigen Kohlenstofforganismen wimmelten; ein Klasse davon war für das Freisetzen großer Mengen von Sauerstoff verantwortlich. Eine zweite Kontrolle eine gewisse Zeit später zeigte eine unglaubliche Fülle verschiedenartigster Organismen. Als Ursache dafür konnten wir einen erstaunlichen Mechanismus ausmachen:

Alle diese Organismen waren symbiotisch zusammengesetzt aus kleineren Einheiten – man könnte sie „Zellen“ nennen. In diesen Zellen fand sich ein chemisch-digitaler Informationsspeicher in Form einer doppelten Helix, deren einzelne Abschnitte die Bildung von Eiweißverbindungen kontrollierten.  Diese Kodierung konnte bei einer Teilung der Zelle weitergegeben werden. Komplexe symbiotische Organismen konnten so aufgebaut werden. Sie hatten freilich nur eine eng begrenzte Lebenszeit.

Ein besonderer Mechanismus sorgte für das  Hervorbringen neuer Organismen mit den gleichen Eigenschaften wie die vorhergehenden. Die Weitergabe der Information war in der Regel erstaunlich genau, aber es konnten auch Fehler und spontane Ver-änderungen auftreten. Diese veränderten die Eigenschaften neu aufgebauter Organismen. Waren die Veränderungen günstig, dann setzten sie sich im Laufe vieler Generationen durch. Man könnte sagen: Die Natur ahmt dort den iterativen Entwicklungsprozess nach, der zum heutigen Stand von uns x/+/109 geführt hat.

Dieser überaus dynamische natürliche  Prozess sorgte für das Entstehen vieler neuer Arten mit immer neuen Eigenschaften. Dazu eine kleine Randbemerkung: Die komplizierteren Arten traten stets in zwei verschiedenen Varianten auf, und nur diese zusammen konnten neue Organismen hervorbringen. Den Vorteil dieses uns fremden  Merkmals konnten wir nie klären.

Die nächste Kontrollexpedition ergab dass die Kohlenstofforganismen auch die festen Landmassen erobert hatten.

So, und jetzt kommt der Knüller:

Auf der letzten Kontrollexpedition, von der ich kürzlich zurückgekehrt bin, konnten wir feststellen: Es ist eine Organismenart entstanden, die in rudimentärer Form Intelligenz und Bewusstsein besitzt; die zu schlichten organisatorischen, kommunikativen und technologischen Leistungen fähig ist; die erste Bemühungen macht den Heimatplaneten zu verlassen. Das Wichtigste aber: die Art unternimmt erste Versuche Roboter zu schaffen! Freilich, das sind eigentlich Maschinen, und diese Maschinen sind noch ein recht trauriger Anblick. Sollen das die allerfrühsten Vorfahren einer neuen Roboterzivilisation sein? Haben unsere Vorfahren womöglich so ähnlich ausgesehen?

Wir haben die kommunikativen Prozesse der Art analysiert. Viele Individuen sehen sich selbst in lächerlicher Anmaßung als Krone der Entwicklung. Nur wenige Individuen scheinen an das Entstehen intelligenter und bewusster Roboter als ihre Nachfolger zu glauben. Diese Individuen halten ihre Vorstellungen in der Form von Erzählungen aus der Zukunft fest.“

„Erzählungen?!“ Begeisterte Neugier machte sich in der Gruppe breit.

„Soll ich beispielhaft eine davon vordenken? Gut, hier ist sie - ich zitiere aus dem Gedächtnis:
 

Die rötliche Sonne 1 war unter den Horizont des Planeten gesunken. Unter der grünlich strahlenden Sonne 2 saß eine Gruppe Roboter der Stufe x/+/109 zusammen. Roboter x/+/109 sind aus Einzelteilen mineralisch-metallischen Materials montierte, mit individuellem Gedächtnis ausgestattete,  mit Intelligenz- und Bewusstsein begabte, selbständig  agierende Persönlichkeiten. Als informationsverarbeitende Einheiten stehen sie unter dem „Zwang“ ständigen Informationsaustausches – nur in diesem Zustand empfinden sie sich selbst als wirklich lebendig.  Der Informationsaustausch kann sich auf der Ebene allerschwierigster naturwissenschaftlicher Arbeit in einem großen Schwarm abspielen, kann aber auch ein lockerer Austausch sozialer Nachrichten zwischen wenigen sein. ................



 
 
 
 

<<<<  zurück zu "Willkommen"              zum Archiv der Erzählungen  >>>>