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Ouroboros

1

John Schwarzenberg  trug an der linken Hand einen Ring. Der Ring stellte eine Schlange dar, die sich selbst in den Schwanz biss. Der Ring war aus einem rötlichen Gold, die Augen der Schlange waren winzige Rubine.

John wusste nicht woher der Ring stammte. Ein Familienerbe, ja. Er selbst hatte ihn von seiner früh verstorbenen Mutter geerbt. Aber er hatte keine Ahnung wie der Ring in den Besitz der Familie gekommen war, er wusste nicht einmal wie alt der Ring war. Er hatte vor ein paar Jahren einen Juwelier befragt., aber der konnte auch nicht helfen:
„Ein schönes Stück, ja! Ein Ouroboros! Dieses Symbol stammt aus dem alten Ägypten, es verweist auf kosmische Einheit und Vollkommenheit,  bei den Alchemisten stand es für einen sich wiederholenden Wandlungsprozess ... aber woher der Ring stammt? Ich kann es nicht sagen..... Wenn ich raten soll: Europa, 19. oder 20. Jahr-hundert. Jugendstil vielleicht? Also immerhin 300 Jahre alt....“

2

John war Assistent am Institut von Professor Twinstone. Das Institut trug immer noch Twinstones Namen obgleich der ja nicht mehr unter den Lebenden weilte - den jetzt Lebenden, jedenfalls. Das Institut beschäftigte sich mit der Fortentwicklung und Vervollkommnung von Twinstones großer Erfindung,  der Technik der Zeitreisen. Insbesondere ging es darum, den zeitlichen Abstand zwischen Gegenwart und besuchter Vergangenheit zu verringern ohne gleichzeitig die Gefahr historischer Instabilität heraufzubeschwören. Solche Instabilität hätte aus einem schlichten „Großvaterparadox“ einen katastrophalen Geschichtsumbruch machen können.

Zwei Tage vor der Durchführung eines wichtigen und langwierig vorbereiteten Versu-ches wurde der vorgesehene Zeitreisende durch eine triviale Blinddarmentzündung flachgelegt. Samuel Kurosawa, Nachfolger Twinstones, hatte viel Geld eines potentiellen Großkunden in den Versuch gesteckt; der Kunde wollte – arg ehrgeizig - Waren ausliefern bevor sie überhaupt bestellt waren.

Kurosawa rief John zu sich:
„Sind Sie gesund? Natürlich – Sie haben erst vor wenigen Tagen das Instituts-Tennisturnier gewonnen! Kennen Sie sich mit der Bedienung der neuen Zeitreisekapsel aus? Natürlich - Sie haben doch daran mitgearbeitet! Möchten Sie nicht die Versuchsreise übernehmen – Sie würden mir einen Gefallen tun. Und sich selbst auch. Ihr Name wird bekannt werden!“

Kurosawa konnte sehr überzeugend sein - John stimmte zu. Eine Reise ins späte 19. Jahrhundert?  Warum nicht.

Seine Freundin (sie arbeitete in einem Nachbarinstitut) zog einen Flunsch als er ihr beim Mittagessen in der Kantine von der bevorstehenden Reise schwärmte :
Schatz, was hab ich ein Glück! Nur wenige konnten bisher zeitreisen, das wird ein tolles Abenteuer!“
Die Freundin hörte das Wort “Abenteuer“ ungern. Johns außerordentliche, durchaus auf Gegenseitigkeit beruhende Anziehungskraft auf gut aussehende Frauen war ihr nur zu bewusst.
„Dass Du mir nicht ...“ .
Er tröstete sie:
„Ich werde Dich schon nicht mit einer Dreihundertjährigen betrügen!“
„Wollen wir ....?!“
Nein, er hatte jetzt keine Zeit für ein Quickie. Er musste sich auf die Reise vorbereiten.
 

3

Die Zeitreise wurde in Gegenwart einiger weniger Wissenschaftsjournalisten gestartet. Nicht dass Kurosawa – oder gar John - diese besonders liebten. Aber man brauchte sie als Zeugen.

Die Hin- und Rückreise sollten je acht Stunden Jetztzeit dauern. Für den Reisenden verging sie praktisch spontan. Am Zielort sollte er sich 24 Stunden aufhalten und in dieser Zeit bei einer bestimmten Zeitung mehrere Kleinanzeigen mit vorgegebenem Text aufgeben, die im Wochenabstand erscheinen sollten,  damit im historischen Zeitungsarchiv der Universität ein Beleg für seinen Aufenthalt in der Vergangenheit auftauchen würde.  Eine derartige Manipulation der Vergangenheit war immer riskant, aber dieses Risiko musste man eingehen. Eine manipulierte Zeitung war doch ziemlich harmlos – nichts war so uninteressant wie die  Zeitung von gestern, oder?
 
 

4

Die letzten Minuten der Zeitlandung vergingen fast in Echtzeit. Die Stadt war ausgedehnter als die Historiker geglaubt hatten – klar, irgendwo mussten die vielen Menschen ja leben. John gelang es, die Zeitreisekapsel in einer kleinen Lichtung mitten in einem dichten Waldstück aufzusetzen. Er bereitete die Kapsel darauf vor nach Ablauf von 24 Stunden selbständig zu starten falls er selber nicht rechtzeitig zurückkehren sollte. Sie durfte keinesfalls gefunden werden. Ihre Tarnkappe würde nur wenige Tage funktionieren, sie zog viel Strom aus den Batterien.

John schlug sich durch das Gebüsch bis zu einer Straße durch. Er achtete sorgfältig darauf dass seine Kleidung, von einem Theaterschneider exakt der besuchten Vergangenheit angepasst, nicht beschädigt oder beschmutzt wurde.

5

John fand dass er Schilder, Wandzeitungen und ähnliches gut lesen und verstehen konnte. So sehr viel hatte sich die Sprache wohl doch nicht geändert, und sein Crash-Kurs in antikem Englisch (zwei Stunden unter der Lernkappe!) zahlte sich aus.  Aber die gesprochene Sprache klang doch reichlich fremd. Sprach er selbst jemanden auf der Straße an, so hatten die Leute große Schwierigkeiten ihn zu verstehen.  Aber er fragte sich bis zum Kundenbüro der großen Tageszeitung durch, um dort seine Folge von Anzeigen aufzugeben.

Eine fast noch junge, jedenfalls sehr hübsche Blondine mit einer aufregenden Figur bediente ihn. Wie schön, dachte John,  dass man eine Zeit ausgewählt hatte zu der  es noch persönlichen Service gab, noch nicht alles elektronisch abgewickelt wurde.  Die junge Dame gab sich große Mühe mit dem Kunden der so seltsam sprach. Groß, breitschultrig, mit ebenmäßigem bronzenen Gesicht, mit jungenhaftem Lächeln, mit strahlend weißen Zähnen .... gut sah er aus! Verdammt gut! Mit dem würde sie schon gerne mal .....
„Wie sagten Sie doch? Ich kann Sie schwer verstehen!“
John konnte sein Anliegen klar machen, man lachte viel zusammen, und John konnte die junge Dame überreden dass sie ihm am Nachmittag die Stadt zeigen würde.

3

Die junge Dame hieß Mona Magnusson, stammte aus Schweden, hatte Journalismus studiert und jobbte zwischen zwei Aufträgen als Aushilfe im Servicebüro. Sie gab sich alle Mühe aus John herauszuholen woher er denn komme und was sein Beruf sei. John gab sich geheimnisvoll. Mona, mit einer romantischen Schwäche, kam zum Schluss er müsse ein Geheimagent sein, so etwas wie ein James Bond (sie schwärmte für Sean Connery). Sie nannte ihn neckend „James“.

Sie bummelten durch die Stadt. Mona zeigte ihm die berühmtesten Bauwerke: „Kennst Du sie wirklich nicht, James?!“
Mona führte ihn zu einem feinen kleinen italienischen Restaurant. Zum Aperitif bestand sie auf einem Martini, und als John zögerte, half sie aus:
„Geschüttelt, nicht gerührt!“
Mona bewunderte Johns Ring: „Ein Ouroboros!“
(„Verflixt, den hätte ich gar nicht mitnehmen dürfen!“ dachte er).
„Darf ich ihn ausprobieren, James?“
Er gab ihr den Ring.
Für ihren Ringfinger war er zu groß, aber auf den Mittelfinger passte er.
„Gibst Du ihn mir zurück?“
„Vielleicht, James  ... vielleicht morgen früh!“
(„Morgen früh! Ich muss mir den Kopfwecker stellen!“ dachte er und konzentrierte sich.)
„An was denkst Du?!“
„Ich denke daran dass ich morgen die Stadt verlassen muss!“
„Morgen schon? Dann lass uns keine Zeit verlieren.“

Mona bewohnte ein kuscheliges Appartement. Ein richtiges Liebesnest. Sie vergaßen den kommenden Tag und liebten sich.

4

Als der Kopfwecker John aufstehen hieß, schlief Mona noch tief und fest. John zog sich leise an. Wo war der Ring? Mona lag so dass er ihre Hand nicht erreichen konnte. Sollte er sie wecken? Oder war es nicht recht und billig dass er ihr ein Andenken hinterließ wenn er schon so schnöde in die Zukunft verschwinden musste? Er warf der Schlafenden einen letzten Blick zu und machte sich auf den Weg zur Zeitkapsel.

5

Mona konnte lange ihren geheimnisvollen Liebhaber nicht vergessen. Sie versuchte mit den Mitteln einer Journalistin etwas über den Verschwundenen herauszufinden. Aber ihre Mühe blieb vergebens. Dennoch beschloss sie das Kind auszutragen mit dem sie schwanger war.

Die Zeit verging. Mona heiratete einen Redakteur, der sich als guter Ersatzvater für Monas Tochter erwies. Der Ring wanderte von ihrem Finger in eine Schmuckschatulle.

Mona starb als mehrfache Großmutter, die Schmuckstücke  wurden unter den Nachkommen aufgeteilt. Der Ring ging an eine Enkelin.

6

Als John zurückkehrte, begrüßte  Samuel Kurosawa ihn kurz um dann sogleich in das historische Zeitungsarchiv der Universität zu stürzen. Um ein wenn auch mildes Großvaterparadox zu vermeiden, war es streng verboten gewesen, die fraglichen Zeitungen vorzeitig einzusehen. Aber jetzt!

Der Archivar schien an Alter und grauer Brüchigkeit mit seinen Schätzen zu wetteifern. Ganz vorsichtig schlug er die gesuchten Seiten auf und ...........Tatsächlich!  Da waren in der richtigen Zeitung, an den richtigen Tagen, in der richtigen Abteilung  „Verschiedenes“ die Anzeigen die John aufgegeben hatte! Erfolg auf ganzer Linie!

Der Professor war  mit der erfolgreichen Reise seines Assistenten  sehr zufrieden und versprach ihm eine Gehaltserhöhung bei nächster Gelegenheit – aber das vergaß er gleich wieder.

John genoss die Anerkennung von Kollegen und Freunden, auch seine Freundin war stolz auf ihn. Für ein paar Tage stand er im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses.
 

7

John ertappte sich in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder dabei wie er den nicht vorhandenen Ouroboros auf dem Ringfinger der linken Hand drehte. Eigentlich erwartete er dass das Fehlen des Ringes auffallen würde. Aber nicht einmal seine Freundin fragte ihn danach (was ihm sehr lieb war). Als John im Gespräch mit einer alten Tante den Ring erwähnte, traf er auf völliges Unverständnis. Niemand schien sich an den Ring zu erinnern. John besuchte den Juwelier den er einmal um seine Meinung gefragt hatte, aber der behauptete noch nie einen Ouroboros-Ring gesehen zu haben.

Hatte die Vergangenheit den Ring geschluckt, hatte sich eine neue stabile Geschichte geformt? John zweifelte an seinem Verstand. War er wirklich in der Vergangenheit gewesen? Um sich zu vergewissern ging er noch einmal in das historische Zeitungsarchiv, ließ sich die fraglichen alten Zeitungen vorlegen. Ja, da waren unter „Verschiedenes“ die drei Anzeigen wie er sie bei Mona aufgegeben hatte.

Mona ..... Mona musste seit zweihundert Jahren tot sein!

Johns Blick blieb an einer kleinen Anzeige hängen.
Da stand gleich unter seiner eigenen letzten Anzeige:

„Hallo John-James! Wo bist Du? Vergiss nicht, ich habe noch etwas von Dir!“
 
 




Anmerkungen:

1
Der Ouroboros-Ring ist ein „Dschinn“ im Sinne von Igor Novikov, ein Gegenstand der nur in der Zeitschleife existiert, niemals hergestellt wurde und niemals zerstört werden wird.

2
Das angesprochene „Großvaterparadox“ bezieht sich auf das Paradebeispiel: „Jemand reist in die Vergangenheit zurück und tötet seinen Großvater. Dann kann er aber selbst gar nicht existieren“.

Das Problem taucht nicht auf wenn man eine Mehrweltensituation annimmt, die Welthistorie sich also aufspaltet. Das ist aber eine außerordentliche Zusatzannahme.

Eine Zeitschleife in die Vergangenheit in einer geschlossenen Welt ist immer problematisch. Wenn der Zeitreisende in der Vergangenheit absichtlich oder unabsichtlich Spuren hinterlässt (in der Erzählung die Zeitungsannoncen und Monas Kind), dann
- muss entweder diese Spur sich bis in die Gegenwart hineinziehen, was in unserer Geschichte bedeuten würde dass die Annoncen in den Zeitungen zu finden sind bevor die Reise überhaupt angetreten wird; oder aber
- die Wirklichkeit muss sich sprunghaft ändern,  in unserer Geschichte müssten die Annoncen  plötzlich in der archivierten Zeitung erscheinen während die Reise läuft. Beides ist absurd. Das Beobachtungsverbot unserer Geschichte verlagert das Problem auf die Frage nach der Rolle des menschlichen Bewusstseins in der Welt; man vergleiche die „Kopenhagener Lösung“ der Quantenphysik.

Man könnte spekulieren dass die Historie stabil ist, dass die Spuren einer Handlung in der Vergangenheit langsam verschwinden so wie das Kielwasser eines Schiffes auf dem Meer (ein physikalischer Mechanismus ist nicht bekannt). Aber dann kann es keine sachlichen Belege für die Zeitreise geben, nur die Erinnerung des Zeitreisenden (?!). Zudem steht dem der deterministisch-chaotische Charakter der Welt entgegen: Winzige Ereignisse können weitreichende Folgen haben („Schmetterlingseffekt“). Um ein Beispiel zu geben - man könnte daraus eine neue SF-Geschichte machen: Ein Zeitreisender soll die Ermordung Kennedy’s aufklären. Er steht unsichtbar neben dem Schützen. Eine Fliege ändert deshalb ihre Flugbahn, landet auf der Nase des Schützen, irritiert ihn und der schießt vorbei!  Es hilft also letztlich nichts nur die groben Paradoxien zu vermeiden (im Falle des ermordeten Großvaters: der Schuss ist nicht tödlich).

Es scheint, dass Paradoxien sich zuverlässig nur vermeiden lassen, wenn der Zeitreisende auf die Rolle des Beobachters beschränkt ist, der in keiner Weise mit der physikalischen Welt interagiert.  Es ist fraglich ob das überhaupt möglich ist.

In Einsteins Raum-Zeituniversum sind geschlossene Zeitlinien – vulgo Zeitreisen – unter extremen Bedingungen möglich . Daher ist die Frage der Paradoxien für die theoretische Wissenschaft durchaus von Interesse. Hochrangige Physiker haben sich damit beschäftigt,  darunter Igor Novikov („Selbstkonsistenz-Prinzip“), und Stephen Hawkins („Chronologieschutz-These“). Es ist ein gewisse Tendenz erkennbar dahin, dass die Naturgesetze so wirken dass Paradoxien nicht entstehen können, Zeitreisen also verhindert werden die zu Paradoxien führen können.

Hawkings witzelte: „Bislang ist die Frage von Zeitreisen offen. Ich werde darauf jedoch nicht wetten. Mein Gegner könnte ja den unfairen Vorteil haben, die Zukunft zu kennen.“

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Eine gute Zusammenfassung zum Thema "Zeitreisen" findet sich hier:
http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=30552482

Ein lesenswertes Buch zum Thema ist:
J.Richard Gott: Zeitreisen in Einsteins Universum
Rowohlt 2003   ISBN  3 449 61577 0
 
 

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