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Feuer und Eis.
Der Supervulkan.1
Mitte des 21. Jahrhunderts sprach alles dafür dass die Menschheit sich selber ein unrühmliches Ende bereiten werde. Die ungezügelte Nutzung der natürlichen Res-sourcen, die hemmungslose Verschmutzung der Umwelt, die an scheußlichster Grausamkeit unüberbietbaren Religionskriege, alles schien auf den baldigen Untergang der menschlichen Zivilisation hinzuweisen. Aber die Menschheit erholte sich. Und dann war es doch ein ganz gewöhnliches, in der Erdgeschichte häufig genug vorgekommenes Naturereignis welches das Ende brachte.
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Diego Martinez, eminenter Vulkanologe, bester Kenner der südamerikanischen Geodynamik, korrespondierender Professor an den Universitäten La Paz, Buenos Aires und Valparaiso, war besorgt.
Diego Martinez war sogar aufs Äußerste besorgt. Alle Daten wiesen auf eine bevorstehende Katastrophe hin, darüber war er sich ausnahmsweise mit seinen Fachkollegen einig.
Da er einer der angesehensten Familien des Landes angehörte und persönlich bestens vernetzt war, gelang es ihm nicht nur einen der führenden Männer der regierenden Partei von der Bedeutung seiner Beobachtungen zu überzeugen, sondern konnte ihn sogar zu einem Vorstoß beim wissenschaftlichen Berater des Präsidenten der Christlichen Amerikas veranlassen. Dieser wiederum organisierte eine virtuelle Konferenz mit dem Präsidenten, was gewiss nicht einfach war, denn dem Präsidenten gingen, wie den meisten Menschen im allgemeinen und den Politikern im Besonderen, Interesse und Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiet völlig ab.
Im Konferenzraum der chilenischen Regionalregierung sah sich Martinez den dreidimensionalen Hologrammen des Präsidenten, seines persönlichen Adjutanten, seines Sicherheitsberaters, seines spirituellen Beraters, und schließlich seines wissenschaftlichen Beraters gegenüber. Eine gewisse Starrheit der Figuren ließ erkennen, dass es sich um Avatare handelte, die ihrerseits durch Videoaufnahmen der lebendigen Personen gesteuert wurden. Der wissenschaftliche Berater stellte Martinez kurz vor, riss das Thema an und erteilte ihm das Wort.
Martinez bedankte sich für die Gelegenheit seine Erkenntnisse vorzutragen und fuhr fort:
„Sie wissen dass, sich an den südamerikanischen Anden eine endlose Kette von erloschenen, ruhenden und aktiven Vulkanen entlang zieht, wie der Gebirgszug selbst eine Folge davon, dass hier die pazifische Nazca-Platte der Erdkruste unter die südamerikanische Platte hinabgleitet – wir sprechen von Subduktion. Diese Vulkane sind Gegenstand vieler wissenschaftlichen Untersuchungen. Nun wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein „Lazufre“ genanntes Gebiet von einigen tausend km² entdeckt, just südöstlich des Nationalparks Llullaillaco, wo die Erdoberfläche sich mit ungewöhnlicher Rate empor wölbt. Damals waren es 3 cm im Jahr, jetzt aber sind es 20 cm pro Jahr, und die Wölbungsrate nimmt immer schneller zu. Unsere detaillierten Untersuchungen erlauben nur eine Erklärung: In diesem Gebiet sammelt sich eine ganz ungewöhnlich große Menge von Magma und Gasen relativ dicht unter der Oberfläche an. Damit sind alle Voraussetzungen für die Bildung und den Ausbruch eines Supervulkans gegeben, der jene vom Tobasee und sogar den befürchteten Ausbruch des Yellowstone-Park-Supervulkans übertreffen würde.“
Martinez erläuterte, dass der Toba -Supervulkan vor 75 000 Jahren fast zur Auslöschung der Menschheit durch einen 100-jährigen Winter geführt hätte - die Menschheit ging nach genetischen Untersuchungen damals durch einen „Flaschenhals“ von vielleicht nur 1000 Überlebenden - und fuhr dann fort:
„Unsere heutige Zivilisation ist nicht nur ungleich komplexer und damit katastrophenanfälliger, der Lazufre-Supervulkan wird auch um ein vielfaches größer sein. Mit anderen Worten: Die Zukunft der Menschheit, vielleicht sogar die eines Großteils allen Lebens auf der Erde, steht auf dem Spiel. Wir wissen nicht genau wie viel Zeit uns noch bleibt, um Vorsorge zu treffen.“
Martinez ließ seine Worte einsinken.
„Welcher Art könnte solche Vorsorge überhaupt sein?“ ließ sich der wissenschaftliche Berater in die Stille hinein vernehmen.
„Darüber habe ich mit meinen Kollegen lange und intensiv diskutiert. Eine solche Katastrophe wird unweigerlich einen Gutteil allen tierischen und pflanzlichen Lebens auslöschen. Es scheint, dass wir Menschen drei grundsätzliche Handlungsoptionen haben:
1. Die Flucht. Als Zufluchtsort kommt nur der Mars infrage, wo wir seit 50 Jahren eine kleine, aber langsam wachsende, heute fast autarke Kolonie haben. Der offensichtliche Nachteil: Dieser Weg kann nur relativ wenigen Personen offen stehen.
2. Aktion Eichhörnchen. Einlagern außerordentlich großer Vorräte um den langen Winter überstehen zu können. Das Risiko: Die Dauer des Winters und der anschließenden Erholungsphase korrekt abzuschätzen.
3. Aufbau eines unterirdischen, auf lange Zeit autarken Habitats. Das Problem: ein solch autarkes Habitat wurde noch nie realisiert. Die Schwierigkeiten auf dem Mars waren enorm. In unserem Fall hätten wir es aber nicht mit ein paar Pionieren sondern mit großen Teilen der Bevölkerung zu tun, potentiell mit der gesamten Weltbevölkerung.“„Und man kann das Problem nicht entschärfen?“ warf der Sicherheitsberater ein. „Man flüchtet doch auch nicht aus dem Hause, wenn ein Topf mit Reisbrei überzukochen droht!“
„Sie hätten recht, wenn es sich um einen gewöhnlichen Kochtopf drehen würde. Es handelt sich aber – um in Ihrem Vergleich zu bleiben – um einen Dampfkochtopf in dem sich ein gewaltiger Überdruck aufbaut, der den Topf zum Bersten bringen wird ... es gibt ja kein Überdruckventil!“
„Kann man keines schaffen?!“
„Darüber haben wir nachgedacht. Die Techniker kennen so etwas, sie nennen es eine Berstscheibe. Man könnte durch im Kreis von einigen hundert Metern gesetzte Bohrungen einen Propfen der Deckschicht lockern und genau dort durch ein paar große Wasserstoffbomben einen lokalen Ausbruch provozieren, von überschaubarer Größe und zu einem gewählten Zeitpunkt, auf den man sich präzise vorbereiten kann. Dass ein solches Verfahren nicht ohne Risiko ist, lässt sich freilich nicht leugnen. Mit einem heftigen Ausbruch und entsprechenden Folgen muss man rechnen, wie 1815 beim Tambora, als es im Folgejahr in Europa und Nordamerika keinen Sommer gab.“
Zum erstenmal ergriff der Präsident das Wort:
„Wir wollen die Sache jetzt unter uns erörtern. Vielen Dank, Herr Martinez!“Martinez kehrte sorgenvoll auf seine Forschungsstation zurück. Ein paar Tage später erhielten er und seine Kollegen den Besuch von Geheimdienstleuten. Man bedeutete den Forschern unter vagen Drohungen, dass sie ihre Forschungsergebnisse unter Verschluss halten sollten – man müsse alles tun um die Bevölkerung vor ungerechtfertigter und völlig nutzloser Panik zu schützen ..... Für Martinez war dies das Signal, seine Forschungsarbeit zu beenden. Unter Einsatz ererbter Mittel kaufte er sich eine kleine Hazienda in einem fruchtbaren Tal, weit weg von der Lazufre-Region.
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„Und wenn morgen die Welt unterginge würde ich doch heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen – ist das dein Motto, Vater?!“
Im Hof von Diego Martinez’ Hazienda saß der alte Forscher zusammen mit seinem Sohn Juan, Germanistikprofessor aus Santiago, und dessen Frau, geborene Dänin, Spezialistin für skandinavische Sprachen. Enkelsohn Pablo tollte mit den Hunden des Hauses. Die Schwiegertochter war offensichtlich weit fortgeschritten in der Anfertigung eines Geschwisters („Sie soll Martha heißen!“).
„Du hast Dir hier ein kleines Paradies geschaffen. Dabei weiß doch niemand besser als Du, welch eine Katastrophe über uns alle hereinbrechen kann .... muss!, wenn Deine Berechnungen richtig sind.“
„Das stimmt, Sohn, dies ist ein Paradies auf Zeit. Aber ist unser ganzes Leben nicht immer geliehene Zeit? Und ohne drohende Schlangen ist dieses Paradies hier auch nicht. Du hast den Wächter an der Zufahrt gesehen? Drei Sicherheitsleute habe ich beschäftigt, damit mir nicht Diebesbanden die Äpfel aus dem Paradies stehlen..... dabei kann ich diesen armen hungernden Leuten ihre Diebstahlsversuche nicht einmal übel nehmen. Wer von den einfachen Leuten kann sich denn noch Essen kaufen?! Es ist alles viel zu teuer geworden!“
„Stimmt, Vater! Seit den Veröffentlichungen von UniversLeaks über Deine Erkenntnisse ist unsere Gesellschaft aus den Fugen. Seitdem die Reichen sich ungeheure Lebensmittellager anlegen - für 10, 15 Jahre vulkanischen Winter – seitdem sind die Lebensmittelpreise um hunderte Prozent angezogen. Die Reichsten der Welt kaufen die ärmsten Regionen leer, und die Leute dort haben nichts zu essen. In Afrika verhungern jedes Jahr viele Millionen Menschen. Die Hilfsorganisationen versagen – sie können die teuren Lebensmittel nicht kaufen.“
„Und wer verdient an dem Ganzen?“
„Die Händler, die Spekulanten, die Erbauer der Lager mit ihren gigantischen Tiefkühlanlagen, die Sicherheitsdienste...“„Man baut vornehmlich unterirdisch?“
„Natürlich! Da ist man geschützt gegen den vulkanischen Fallout,....“
„Tephra!“ murmelte Martinez, sein Sohn ignorierte die kleine Rechthaberei.
„.... da kann man es sich mit Erdwärme gemütlich machen. .... Großes Geld wird auch noch gemacht mit vielerlei Forschungsprogrammen. Carlas Arbeit kennst Du ja. Natürlich experimentiert man auch wieder mit geschlossenen autarken Biosystemen – diesmal unterirdisch. Die Ingenieure arbeiten an riesigen Raumfahrzeugen für die Flucht zum Mars ...“
„Ich will Raumfahrer werden!“ rief Pablo dazwischen.
„.....und auch an den Bunkersystemen damit man die Raketen noch starten kann wenn Lazufre schon ausgebrochen ist ... wie im 20. Jahrhundert die großen Atomraketen.“
„Was ist aus dem meinem alten Vorschlag geworden, eine Sprengscheibe in den Lazufre zu installieren?“
„Du hast das damals dem Präsidenten vorgeschlagen. Seit UniversLeaks vor 8 Jahren sogar das Gesprächsprotokoll des Präsidenten veröffentlicht hat, werden alle Deine Vorschläge diskutiert. Und an vielem wird gearbeitet! Ja, auch zum Thema Sprengscheibe gibt es Forschungsprogramme. Aber ...“
„Was aber?“
„Der Vorschlag trifft auf erbitterten Widerstand der spirituellen und moralischen Berater, die sich alle Präsidenten zugelegt haben. In der Öffentlichkeit natürlich auch: Eine Katastrophe provozieren, die vielleicht gar nicht eintreten würde?!“
„Nach allem was ich lese und höre hier in meinem Paradiesgärtchen, sind die religiösen Bewegungen am schlimmsten?“
„Klar! Die einen meinen, man dürfe ihrem Gott nicht ins Handwerk pfuschen.... Sogar der Papst in Mekka, der ja immer als ein vernünftiger Mensch galt, hat sich in dieser Richtung geäußert. Radikale Bewegungen kämpfen bürgerkriegsartig gegen das Horten von Lebensmitteln ... kann ich ja sogar nachvollziehen. Radikalfundamentalisten freuen sich auf das Ende der Welt – es kann gar nicht schrecklich genug sein – und verweigern sich völlig den Ansprüchen der Gesellschaft. Wo die Regierungen nicht mit eiserner Hand durchgreifen, herrschen Chaos, Gesetzlosigkeit. So ganz unrecht hatten Dein Präsident und seine Schlapphüte damals nicht: Diese Menschheit ruiniert sich selbst, die Zivilisation löst sich auf, wir begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tod.“
„Der Kaffee ist serviert!“ ertönte die Stimme der Haushälterin. Man begab sich ins angenehm kühle Speisezimmer.
4
Carla, unverheiratete Tochter des Diego Martinez, hatte Sorgen. Sie hätte doch wie ihr Bruder Germanistik studieren sollen! Und schon gar nicht: sich nach Spitzbergen verpflichten lassen. Als eine der Biologinnen der Svalbard Genetik Bank war sie für die korrekte Einlagerung der Pflanzensamen zuständig. Aus den Erfahrungen mit der Vorläuferin der Genetik Bank und aus einer Vorversuchsreihe wusste man, dass die optimalen Lagerbedingungen nicht für alle Samen die gleichen waren. Klar, bei – 18° würde keine Pflanze keimen. Aber wenn man sie dann auftaute ... Die Erfahrungen aus dem vorigen Jahrhundert bezogen sich auch nur auf die 21 wichtigsten Nutzpflanzen. Jetzt aber ging es um die Lagerung von Samen möglichst aller Pflanzen, welche für die Ernährung oder die Gewinnung von Heilmitteln oder die Holzwirtschaft von Bedeutung waren, und um wenigstens die allerwichtigsten Pflanzen deren Schlüsselrolle in den verschiedenartigen Biotopen bekannt war. Die Aufgabe war ungeheuerlich.
Ihrer Kollegin für die Erbguterhaltung der Tiere ging es nicht besser – natürlich wurde sie nur „Noah“ gerufen - , und der etwas verschrobene Kollege, der Bakterien und Einzeller erhalten sollte, hatte einen ganz schweren Stand. Es gab endlose Diskussionen um Räume, um Prioritäten. Unzählige technische Einzelheiten wollten entschieden sein. Und da war noch dieses verdammte Projekt XXX. Befruchtete menschliche Eizellen sollten erhalten werden. Wenn die äußeren Bedingungen günstig erschienen, sollten Automaten daraus Menschen wachsen lassen, die dann von anderen Automaten aufzuziehen und auszubilden waren, damit sie die Erde neu besiedeln konnten. Das Projekt schien Carla aussichtslos, geradezu grotesk. Aber es hatte wohl hohe Gönner, zog einen in ihren Augen viel zu großen Anteil der Mittel auf sich. Obwohl .. die Logik dahinter konnte sie nicht leugnen.
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Pablo Martinez machte eine steile Karriere als Raumfahrer. Körperlich und geistig von der Natur vorzüglich ausgestattet, absolvierte er die Raumfahrtakademie mit Bravour. An dem Tage, als sein verehrter Großvater starb, befand er sich als Kommandant eines Raumtransporters auf dem Flug zur erdumkreisenden Raumstation.
Wenige Jahre und ein paar weitere erfolgreiche Flüge später wurde ihm eine neue Aufgabe angetragen.
Die Herren stellten sich als Vertreter der General Space Transport Corporation vor, die eigene Raumtransporter betrieb und den Auftrag für die Versorgung der kleinen Marsbasis besaß. So weit, so gut. Aber die Herren taten recht geheimnisvoll, ließen sich von Pablo absolute Verschwiegenheit zusichern, nicht ohne auf unangenehme Konsequenzen eines Bruches dieser Verschwiegenheit hinzuweisen. Pablo, neugierig und abenteuerlustig, stimmte zu.
Die Aufgabe war die:
In einem gewaltigen unterirdischen Silo, irgendwo in .... (der Ort wurde nicht genannt), wurde ein Raumtransporter gebaut und ausgerüstet. Die Fertigstellung sei in zwei Jahren geplant. Das Raumschiff werde in der Lage sein mit kleiner Crew zwei Dutzend der höchstrangigen und einflussreichsten Männer und Frauen zum Mars zu bringen, damit sie dort überleben konnten. Die Marsbasis wurde bereits ausgebaut ohne dass irgendjemand , außer dem innersten Zirkel, um den eigentlichen Zweck wusste. Auch auf der Basis in .... wüssten nur ganz wenige vom wahren Zweck des Vorhabens.
Für den Flug zum Mars brauchte man exzellente Raumkapitäne, junge zumal, denn es ging um ein potentiell sehr langfristiges Vorhaben. Sie würden durch regelmäßige Flüge zum Mond in der praktischen Übung gehalten, würden die meiste Zeit aber in den Trainingssimulatoren der Basis in ... zubringen. Denn die Bedingungen zum Start und damit die des gesamten Fluges konnten in weiten Bereichen variieren. Das „Fenster“ zu einem Flug zum Mars war ja nicht immer offen, es konnte eine Parkbahn um die Erde notwendig werden, die Bahn zum Mars konnte so oder so aussehen. In jedem Fall war die Aufgabe mit unendlichem Training und vielleicht lebenslangem Warten auf einen Einsatz verbunden, der gar nicht kam. Die Arbeit werde aber sehr gut honoriert, und die Aussicht vielleicht einer der wenigen Menschen zu sein, die der Katastrophe entfliehen konnten, müsse doch auch reizvoll sein. Nur eines sei klar: Das ganze Vorhaben unterliege allerstrengster Geheimhaltung. Jeder Verrat werde bestraft.
Einer der Herren, welche das Angebot unterbreiteten, zog die flache Hand über seine Kehle. Pablo verstand.
Er erbat sich eine Bedenkzeit von drei Tagen und nahm dann das Angebot an.
Er informierte seine Eltern, völlig korrekt, er habe die Stelle eines Raumkapitäns bei CSTC angetreten, mehrere Flüge im Jahr seien garantiert. Seiner „kleinen Schwester“ Martha schrieb er die Neuigkeit in einer begeistert formulierten Mail um ihren Neid zu kitzeln. Martha hatte Ethnologie studiert. Sie hatte sich irgendwo in einem gottverlassenen Nest im nördlichen Grönland absetzen lassen, um die ursprünglichen Techniken zu studieren die das Überleben unter extremen Bedingungen erlaubten – vielleicht halfen sie ja auch in einem vulkanischen Winter?!
6
„Und was sagt unsere kleine Vulkanologin dazu?“
Maria verzog ihr Gesicht.
„Dass der vor ein paar Jahren verstorbene Professor Martinez ein entfernter Onkel von mir war, macht mich noch lange nicht zur Vulkanologin! Allerdings....“
Die Gruppe junger Abenteurer stand unschlüssig um ihre drei Geländewagen herum. Hier, mitten im Nationalpark endete die Piste, von hier wollten sie aufbrechen zu mehrtägiger Wanderung und zum Aufstieg auf den Llullaillaco, zu den Ruinen der indianischen Kultstätte in 6700 m Höhe.
Aber jetzt hatten leichte Erdbeben eingesetzt, die in schneller Folge, mehrmals in der Minute, den Boden erzittern ließen.
„Allerdings, ich habe einmal einen Vortrag meines Onkels besucht, er schilderte wie ein Vulkanausbruch sich ankündigt, wir diskutierten hinterher noch darüber, und da sprach er auch von einem vulkanischen ... ich weiß nicht mehr wie er sich ausdrückte ... Zittern oder so ähnlich ...“
„Vielleicht sagte er ‚Tremor’ ?“ schlug ein junger Mann in der Gruppe vor, ein Medizinstudent.
„Ja, das war es: ‚Vulkanischer Tremor’. Mein Onkel sagte, das sei ein ganz starkes Anzeichen für einen Vulkanausbruch binnen Stunden.“
„Wir kehren um – sofort! In die Autos!“ entschied die Anführerin der Gruppe.
Die Straße in Richtung Küste, hinab ins Tal, war in einem erbärmlichen Zustand. Wozu hätte man sie auch noch pflegen sollen? Es wollte ja kaum noch jemand in den Nationalpark kommen – man wusste: Lazufre ist nicht weit.
So konnten sie nur in mäßigem Tempo fahren. Die Erdstöße gingen fast im Rütteln der Wagen auf der unebenen Piste unter. Wurden sie stärker? Die Kunststoffkarosserien ächzten. Gegen Mittag hatte man erst den halben Weg nach Taltal zurückgelegt, wo sie auf die Nationalstraße 5 treffen wollten um schnell nach Süden zu fliehen. In den S-Kurven warfen sie ängstliche Blicke zurück. Und da –
Über dem Bergkamm erhob sich eine gewaltige Feuersäule, stieg höher und höher in den Himmel, langsam und majestätisch richtete sie sich auf ...
Mächtige Erdstöße brachten die Autos ins Wanken ..... dann betäubte ein lautes Dröhnen die Ohren ...... schließlich schoss eine Glutlawine ins Tal.
„Pyroklastischer Strom“ dachte Maria noch, bevor der Feuersturm das aufflammende Auto in den Abgrund stürzte.
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„Alarm Stufe 1! Personal Team 3 sofort im Briefingraum versammeln!“
Pablo löste sich fluchend aus den Armen seiner Freundin, zog sich hastig die Dienstkleidung an.
„Was ist los? Was bedeutet das?“ fragte die Frau und zog einen Flunsch.
„Weiß ich nicht – hängt vielleicht mit dem Ausbruch des Lazufre zusammen ...“ log Pablo hart am Rande der Wahrheit und rannte hinaus.
Im Briefingraum waren die anderen Teammitglieder schon um den Kommandanten versammelt, der Pablo mit einem scharfen „Na endlich!“ begrüßte. Dann wandte er sich an alle:
„Sie haben jahrelang trainiert. Jetzt ist der Ernstfall da, jetzt dürfen und müssen Sie zeigen was sie können! Der Start soll um 16:00 erfolgen, das ist in ... drei Stunden von jetzt. Sie wissen was Sie zu tun haben – oder haben Sie Fragen?“
Leicht benommen schüttelten die Männer und Frauen des Teams den Kopf. Start! Start zum Mars! Es war Zeit zur Flucht! Sie fuhren hinauf, begaben sich in den Kom-mandostand des Raumschiffes. Die ganze Startvorbereitung wurde von dort gesteuert – ungewöhnlich, aber so wurde die Zahl der notwendigen Mitwisser minimiert. Nur wer mitfliegen sollte, der durfte die ganze Wahrheit wissen. Nun ja, abgesehen von den Teams, die gerade nicht auf Wache waren. Pech für die! Jeder hatte das Risiko gekannt. War ja auch nichts besonderes: 10 Milliarden Menschen blieben zurück.
Gegen 15:30 trafen die ersten Gäste ein. Sie wurden vom Hubschrauberlandeplatz zum Startterminal geleitet, durch den langen Tunnel hinübergeführt zum Raketensilo, über die Brücke, in den Kopfmodul des Raumtransporters. Und auf diesem Weg passierte es. Irgendjemand von der Terminalbesatzung erkannte den Präsidenten der Christlichen Americas, andere den Staatspräsidenten Kanadas, den indochinesischen Präsidenten, ein paar Industrie- und Finanzmagnaten. Und dann kam auch noch der Papst, wie immer milde lächelnd, links und rechts segnend!
Die Nachricht machte schnell die Runde in der ganzen Basis. Erregung machte sich breit. Jetzt verstand auch noch der letzte den Zusammenhang:
„Sie hauen ab! Sie fliehen zum Mars! Uns lassen sie hier verrecken!“
Die wütende Menge sammelte sich im Raketensilo, am Fuß des gewaltigen Raumschiffes. Niemand kümmerte sich um die roten Warnlichter, die aufflackernden Schilder „Zutritt streng verboten – Lebensgefahr!“
„Wir werden sowieso sterben – und diese fetten Schweine setzen sich ab!“
Der schwere Betondeckel des Schachtes war bereits geöffnet.
Die wütende Menge umkreiste die Rakete.
„Schließt den Deckel wieder!“ forderte jemand, Techniker rannten los, aber das Schließen erwies sich als unmöglich – nur vom Kommandostand des Raumtransporters aus hätte man es gekonnt.
Die Menge schrie Sprechchöre : „Schweine! Schweine! Schweine!“
Es dröhnte im Raketensilo, oben im Kommandostand des Raumtransporters musste man es hören. Aber es erfolgte keine wahrnehmbare Reaktion.
Ein paar Mann fuhren hinauf, griffen sich Feueräxte, rannten zur Brücke, aber die fiel gerade ab. Kurz darauf lösten sich die Stromkabel, die Kühlleitung, die Tankrüssel. Die Rakete war startbereit.
Das Gerücht von der Flucht hatte auch die Wachen erreicht. Sie schlossen sich der Menge am Fuß der Rakete an. Ein schwerbewaffneter Wachmann hielt seine Maschinenpistole hoch.
„Schieß! Schieß! ... Du musst hinauf, hier erwischst Du die Schweine nicht ... zu spät!... noch eine Minute! ... Schieß auf die Ruderanlage!“
Der Wachmann schoss sein Magazin leer. Welchen Schaden er anrichtete, konnte weder er noch sonst jemand in der Menge erkennen. In diesem Augenblick zündeten die Triebwerke, und die Menschen am Fuße des Silos verbrannten in den 3000° heißen Gasen des Raketenstrahls. Die meisten wurden in die Abgasschächte mitgerissen, einige aber wurden hochgewirbelt und umtanzten wie brennende Papierfetzen die Rakete. Die aber erhob sich majestätisch langsam aus dem Schacht.
Zufällig beobachtete jemand von der die Erde umkreisenden Raumstation aus, wie der Raumtransporter aus der Wolkenschicht herausschoss. Seine Bahn war unter 45° gegen die Horizontale geneigt. Sie krümmte sich noch weiter, so dass der Transporter einen höchsten Punkt erreichte und, von seinen Raketentriebwerken immer weiter beschleunigt, auf die Erde zurückstürzte. Für kurze Zeit glühte er auf, zerfiel dann in einen Regen von leuchtenden Einzelteilen wie ein gigantisches Feuerwerk am Rande der Atmosphäre.
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Lazufre emittierte über Monate hin, insgesamt warf er über 5000 km³ Tephra aus. Da dieUmgebung im Umkreis von einigen 100 km gar nicht oder schwach besiedelt war, kamen relativ wenige Menschen durch die direkte Einwirkung vulkanischer Blöcke, Bomben, Lapilli, Glutlawinen und Lavaströme ums Leben. Vor der Küste Chiles bildeten sich auf dem Meer lokale Teppiche von Bimsstein, die es Fischerbooten unmöglich machten, zurückzukehren. Der wirkliche große Todesbringer aber war die Asche.
Über 50 km hoch schleuderte Lazufre seinen Auswurf. Je größer die Teile waren, desto schneller regneten sie auf die Erde herunter. Asche und gröberer Staub bedeckten große Teile Südamerikas. Da Vulkanstaub in Verbindung mit Feuchtigkeit zu einer zementartigen harten Masse wird, erstickten in diesen Gebieten Menschen und Tiere trotz genügend vorhandenen Sauerstoffs – die Lungen wurden funktionsunfähig. Auch Pflanzen starben unter diesem Staub.
Der wirklich feine Staub aber blieb für viele Jahre in der Atmosphäre. Höhenwinde verteilten ihn zunächst über der Südhalbkugel, dann erreichte er auch die nördliche Hemisphäre. Mit ihm kam Schwefeldioxid, das mit Wasser feinste Tröpfchen von Schwefelsäure bildete. Diese Aerosole schirmten die Erde gegen die Sonneneinstrahlung ab, die Temperaturen auf der Erde sanken. Die reichlich vorhandenen Kondensationskerne verstärkten die Wolkenbildung, die helle dichte Wolkendecke warf ihrerseits wieder Wärmestrahlung der Sonne zurück. Was man früher als „Atomaren Winter“ gefürchtet hatte, trat jetzt als „Vulkanischer Winter“ ein. Die Temperaturen sanken im Mittel um 10°. Pflanzen starben ab, Tiere verhungerten. Viele Arten – schon durch die Einwirkung des Menschen vorgeschädigt - starben aus.
Man hätte vielleicht meinen können, dass es den Menschen besser ging, dank ihrer überlegenen Intelligenz. Aber diese Intelligenz hatte sie zur Bildung eines außerordentlich komplexen globalen Zivilisations- und Wirtschaftssystems gebracht. Das brach unter den neuen Bedingungen völlig zusammen. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Jeglicher Luftverkehr musste eingestellt werden, als immer wieder Maschinen wegen Staubschäden an den Triebwerken abstürzten. Staatliche Strukturen, Gesellschaftssysteme lösten sich auf. Lokale Gewaltherrscher konnten regional einige Zeit eine gewisse Ordnung erhalten, bis auch diese Herrschaften zerfielen. Immer mehr marodierende Banden zogen durch das Land. Landwirtschaft und Viehzucht wurden unmöglich. Der Hungertod hielt überreiche Ernte.
Wo man auf Vorratslager traf, wurden diese geplündert; die sie angelegt hatten gingen leer aus. Kleingruppen mit großen Lagern, gut versteckt unter der Erde, konnten sich vielleicht ein Jahrzehnt halten, so wie man es geplant hatte. Aber als diese Überlebenden an die Oberfläche zurückkehrten, fanden sie sich in einer Welt die jegliche Ordnung verloren hatte, und gingen bald unter. Einzelne lernten wieder als Sammler und Jäger zu leben, durchstreiften noch viele Jahre das Land, am Ende verloren sich auch ihre Spuren.
Bisweilen scheiterten gut gemeinte Vorhaben an kleinen technischen Problemen. Die Svalbard Genetik Bank ist dafür ein kurioses Beispiel. Selbstverständlich unterirdisch angelegt, musste sie gegen den Einfluss der Erdwärme gekühlt werden. Um keinen Staub in die Kavernen zu lassen, hatte man eine feine Zweikreiskühlung gebaut, natürlich mehrfach redundant. Dem äußeren Kreis hatte man Filter verpasst. Diese Filter hielten den Vulkanstaub auch richtig von den Wärmetauschern fern, aber er fiel nicht, wie vorgesehen, von den Filtern ab, sondern bildete mit der Feuchtigkeit eine Art Zement: Die Filter setzten sich irreparabel zu. Für die Kühlmaschinen wurde es immer schwieriger, ihre Wärme an die spärlicher hereinströmende Außenluft abzugeben. Ihre Energieversorgung war kein Problem, ein Atomstromaggregat konnte viele Jahrhunderte dafür sorgen. Aber jeden Tag mussten die Maschinen heftiger arbeiten um den kühlenden Luftstrom durch die verstopfenden Filter zu ziehen. Und eines Tages gaben sie dabei und beim Kühlprozess selber mehr Wärme frei als an den Luftstrom übertragen wurde. Es wurde immer wärmer in den Kavernen, die Regelung ließ die Kühlmaschinen immer heftiger arbeiten, die setzten immer noch mehr Wärme frei .... Die Temperatur stieg zuletzt so schnell an, dass die Betriebsmannschaft die Anlage verlassen musste. Man ließ den aus Gründen der Isolation bewusst klein gebauten Notausgang offen stehen, hoffte auf die kalte Außenluft, aber das half nichts mehr: die ganze Anlage starb den Hitzetod.
Kurz: all die schlau ausgedachten Bauten und Anlagen konnten letztlich das Ende der Menschheit bestenfalls hinausschieben, nicht verhindern.
Auf der erdumkreisenden Raumstation wie auch auf der Marsbasis konnte man dem allem nur hilflos zusehen - oder auch nicht: die dichte Wolkenschicht der Erde machte jede Beobachtung ihrer Oberfläche bald unmöglich, man hatte nur die immer spärlicheren Funksendungen als Informationsquellen, bis sie dann ganz ausblieben.
Auf Nachschub von der Erde angewiesen, waren auch diese Außenposten der menschlichen Zivilisation dem Untergang geweiht.
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Martha hatte von der grönländischen Regierung ein Stipendium und die Mittel erhalten, in Siorapaluk die letzten Zeugnisse der Inuit-Kultur zu sichern und aus dem Ort eine „lebendige archäologische Siedlung“ zu machen. Siorapaluk war einst die nördlichste natürliche menschliche Ansiedlung gewesen, hatte noch im 21. Jahrhundert fast 100 Einwohner besessen, war jetzt fast ausgestorben.
Eine südamerikanische Ethnologin in Grönland – konnte das gut gehen? Ja, es ging gut! Martha, sprachbegabt wie ihre Eltern, war in der Lage mit etwas Inuit und Dänisch sich verständlich zu machen. Ihre ehrliche Begeisterung riss alle mit. Zwei uralte Inuit schlossen sich ihr an, und ein paar junge Frauen und Männer welche von der Erneuerung der Inuit-Kultur träumten. Eine Rundreise durch die Museen des Landes – Upernavik, Ilulissat, Sisimiut – brachte wertvolle Erkenntnisse über die traditionelle Technologie der Kajaks, Umiaks, Harpunen, über die Herstellung von Kleidung, über Jagdstrategien, Konservierung von Jagdbeute, und vieles mehr. Martha und ihr begeistertes kleines Team begannen das alles wieder umzusetzen in reale Objekte. Die beiden Uralten trugen fast vergessene Mythen zusammen: von Sedna, der Mutter des Meeres; von Tornasuk, Herrn der Unterwelt und Geister; von Asiaq, die das Wetter bestimmte. Aus dem nahen Qaanaaq kamen in ihren Fischerbooten enthusiastische Unterstützer um ein paar Tage mitzuhelfen, oder sie besorgten fehlendes Material. Der Besuch eines Kreuzfahrtschiffes brachte etwas Geld in die Kasse.
Von der Explosion des Lazufre erfuhr Martha, gerade in einer Arbeitsbesprechung ihres Teams mit Aktivisten aus Qaanaaq, durch eine SMS ihres Vaters – das letzte was sie von ihm hören sollte. Sie schaltete sofort den dänischen Fernsehnachrichten-Kanal des Internets ein. Über Stunden verfolgten die Gruppe die wie üblich teils lückenhaften, teils widersprüchlichen Meldungen. Der Absturz eines großen Raumtransporters wurde gemeldet. Die Präsidenten der größten Staaten waren spurlos verschwunden. Erste Schätzungen von Opferzahlen lagen weit auseinander. Kommentare echter und selbsternannter Fachleute – optimistische, schwarzseherische, kluge, dumme – behaupteten Aufklärung. Satellitenaufnahmen zeigten eine Feuersäule von unglaublichen Ausmaßen. Die Höhenangaben schwankten zwischen 50 und 150 km....
„Was bedeutet das alles für uns?“ fragte einer aus der Runde.
„Dass wir vielleicht schneller als gedacht das benötigen werden, was wir uns an traditioneller Technik erarbeitet haben.“
Der erste Winter war gar nicht so viel anders als die letzten davor. Vielleicht ein wenig dunkler noch, vielleicht ein wenig kälter, es bildete sich sogar ein schmaler Saum von Meereis. Lebensmittel und Öl für das kleine Heizkraftwerk waren wie immer ausreichend eingelagert. Frühling und Sommer waren auch in Ordnung – bis der Treibstoff für die Fischerboote ausging und kein Nachschub kam. „Logistische Schwierigkeiten – wir bekommen selbst nichts!“ war die immer gleiche Auskunft bei Anrufen in Nuuk. Langsam wurde klar: diesmal würde gar kein Versorgungsschiff kommen.
Der folgende Winter war hart, ein Wunder fast, dass es nur wenige Opfer gab in Siorapaluk und Qaanaaq. Die letzten Vorräte waren aufgebraucht. Man lebte von geangelten Fischen – ja, man lernte wieder das Angeln am Eisloch. Um die Jahreswende fiel das Internet aus. Für die wenigen tragbaren Radioempfänger gab es keine Batterien mehr, für die Handys konnte man die Akkus nicht mehr aufladen. Die Funkstationen lagen mangels elektrischem Strom still. Mit Qaanaaq hielt man sporadischen Kontakt, zuerst durch lange und risikoreiche Kajakfahrten. Später wurde der Eisgürtel zusehends breiter, das Eis tragfähiger. Man konnte jetzt auch mit Schlitten fahren. Aber wie man eine Hundemeute lenkt, das musste man auch erst wieder lernen.
Bis in den Frühsommer hinein blieb es kalt. Der Himmel war milchig, die meiste Zeit dicht bedeckt. Es fiel grauer Staub, reizte die Lungen. Der Eisgürtel wuchs weiter, ging im Sommer nur wenig zurück. Es wurde klar: Ein Versorgungsschiff würde nie wieder kommen. Siorapaluk und Qaanaaq waren auf sich allein gestellt.
Man beschloss, in kleinen Gruppen dem vorrückenden Eissaum nachzuwandern, möglichst immer in einem Bereich zu bleiben wo Eisangeln möglich war, wo es auch Atemlöcher von Robben gab. Wer sich in Marthas Team mit alten Techniken vertraut gemacht hatte, musste die anderen anlernen. Als nach vielen Fehlschlägen die erste Robbe an ihrem Atemloch erlegt wurde, feierte man ein großes Fest: Sedna, „die Mutter des Meeres“, hatte sich der Menschen erinnert! Ein paar Wochen konnte Martha nicht mehr zweifeln dass sie schwanger war. „Sedna, die Mutter allen Lebens!“ Im nächsten Frühjahr gebar Martha eine gesunde Tochter. Es war die erste Geburt auf der langen Wanderschaft der Gruppe. Mehr Kinder wurden geboren, Alte starben. Die Gruppe folgte dem Eis nach Süden.
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Die Gruppe wanderte über den Rand des Eises in der Baffinbay hinüber nach Amerika. Dort gab es Vegetation, Beeren zum Sammeln, Rentiere zum Jagen. Die Temperaturen begannen wieder zu steigen, Die Eiszeit ging zu Ende. Aus der Gruppe wurde ein Stamm der sich über die neu ergrünenden Prärien ausbreitete.
Der Aufstieg zu unserer neuen Zivilisation begann. Die Ruinen der alten Zivilisation, vor der wir staunend standen und immer wieder noch stehen, halfen uns wenig. Wir mussten alles Wissen und Können neu gewinnen. Erst heute sind wir so weit, dass unsere Geologen, Biologen und Archäologen die Geschichte von Aufstieg und Untergang der alten Zivilisation in großen Zügen verstehen. Sogar die wenigen erhaltenen elektronischen Dokumente können wir heute lesen. So sind wir Wissenschaftsautoren in der Lage, die Ereignisse um den Ausbruch des Lazufre nachzuerzählen, wenn auch im Detail mit einer gewissen dichterischen Freiheit.
Vielleicht können wir ja auch etwas aus der Geschichte lernen? Wir sollten es jeden-falls versuchen: Yellowstone Park wartet noch immer. Wir wissen dass er ausbrechen wird, wir wissen nur nicht wann.
Anmerkungen:
Zur Grafik:
Edvard Munchs berühmtes Bild „Der Schrei“ wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit 1883 gemalt, als beim Ausbruch des Krakatau Staub in die hohe Atmosphäre geschleudert wurde und zu spektakulär roten Sonnenuntergängen führte. Der Ausbruch forderte 36 000 Menschenleben. Er fällt nicht in die Kategorie „Supervul-kane“.
Diese Datierung erfolgte nicht durch Kunsthistoriker, sondern durch den griechischen Atmosphärenphysiker Prof. Christos Zerefos, der mit seinen Mitarbeitern Gemälde unter meteorologischen Gesichtspunkten untersuchte.
Vgl. http://www.sueddeutsche.de/wissen/kunstgeschichte-klima-auf-der-leinwand-1.910300
Zum Text:
Allgemeine Informationen u.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Supervulkan
Informationen zu Lazufre http://ebooks.gfz-potsdam.de/pubman/item/escidoc:23086:4/component/escidoc:
23179/Component:escidoc:23179Informationen zur Samenbank: http://de.wikipedia.org/wiki/Svalbard_Global_Seed_Vault