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Im Adlernebel: Astronaut auf dem Weg zu einer der geheimnisvollen Kugeln
Die Äpfel der Hesperiden
von Pietro Eugenio Canarios
Zum letzten Mal habe ich Fernando Rasmussen vor drei Monaten getroffen. Die Redaktion hatte mich beauftragt ihm einen möglichst ausführlichen Bericht über seine berühmte Reise zu den „Äpfeln der Hesperiden“ zu entlocken. Er hatte nach einigem Zögern zugestimmt. Zwischen zwei Einsätzen auf der Raumfluglinie Gagarin – von Braun City traf ich ihn im Restaurant des Raumflugzentrums.
Mittlere Größe, athletische Figur, die allgemeine Erscheinung eines junggebliebenen Fünfzigers, perfekt strahlende Zähne (künstlich, wie bei allen Raumfahrern), kurzgeschnittene Haare. Freundlich, humorvoll. Nur die Augen , der Blick: darin schien mir eine gewisse Müdigkeit zu liegen.
„Sie wollen wirklich noch einmal alles über die Reise hören? Es ist doch damals so viel darüber geschrieben worden. Und ich habe es so oft erzählt. Nun gut ....
Es war in der Anfangszeit der Erforschung unserer Galaxie. Der Schneider-Hawkins-Antrieb hatte früher undenkbare, schnelle Flüge durch den Hyperraum ermöglicht. Jetzt führten wir immer weitere Erkundungsreisen durch.
Schon im 21. Jahrhundert hatte man wunderschöne Fotos von den Sternentstehungs- gebieten im sogenannten Adler-Nebel aufnehmen können. Vielleicht können Sie ein paar Fotos in Ihr Feature aufnehmen? Die beteiligten Teleskopsatelliten Hubble und Spitzer können Sie im Raumfahrtmuseum nebenan sehen, sie wurden später geborgen. Angesichts dieser Fotos war es kein Wunder dass nach der Erkundung der näheren Umgebung von Gagarin diese faszinierende Region eines der ersten entfernteren Ziele war.
Und in der Tat: Es lässt sich kaum etwas Großartigeres denken: Der gewaltige, mäßig warme Nebel aus Wasserstoffmolekülen; die 10 Lichtjahre hohen Staubsäulen an deren Spitzen neu geborene Sterne strahlen - die „Säulen der Schöpfung“ nennt man sie ja auch; die heiße Explosionswolke einer Supernova. Gesehen in milder Vielfarbigkeit durch unsere Falschfarbenbrillen: eine Kathedrale aus Licht!
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Historische Aufnahmen des Adler-Nebels. Quelle: Wikipedia ArchaeologicaHier tauchte unser Forschungsraumschiff „Galactic Heracles“ (1) aus dem Hyperraum auf . Wir wanden uns mit hoher Unterlichtgeschwindigkeit durch den Wald der Säulen, konnten uns nicht satt sehen an dem grandiosen Schauspiel, behielten dabei den Datenstrom unserer Messgeräte im Auge, und da –
„Gefahr! Feste Körper voraus!“ meldete das Asteroidenradar.Woher in dieser Gegend Meteoriten oder gar Größeres kommen sollte, war uns völlig unklar, denn dergleichen Körper sind ja in der Regel im Gravitationssystem eines Sternes gebunden, zusammen mit seinen Planeten. Aber nur ein Selbstmörder ignoriert eine solche Warnung, so ließen wir die Flugführungsautomatik die Geschwindigkeit zurücknehmen um in der Nähe der angezeigten Körper mit diesen zu synchronisieren. Es zeigte sich dass sie mit – nach astronomischen Verhältnissen - sehr geringer Geschwindigkeit durch den Raum trieben. Wir ließen uns nahe heranführen, hielten scharf Ausschau ...
Was wir schließlich vor uns sahen, verschlug uns den Atem.
Vor uns schwebten im Raum fünf nahezu perfekte Kugeln. Nun lässt sich die Größe eines fremden Objektes im Weltraum kaum abschätzen. So glaubten wir zuerst gold-gelbe Äpfel dicht vor uns zu sehen. Doch die Steuerungsautomatik führte uns näher heran, die Kugeln erwiesen sich als weit größer als gedacht; Radartriangulation ergab einen Durchmesser von knapp 50m. Ihre Oberfläche glänzte metallisch golden, blau und grün changierend wie die Rückenpanzer exotischer Käfer. Die Oberfläche war aber nicht glatt, sondern versehen mit unregelmäßig eingedrückten Beulen wie Kratern von Meteoriteneinschlägen; diese „Beulen“ wirkten wie Hohlspiegel. Wir erkannten verzerrt unser Raumschiff darin. Die fünf Kugeln rotierten sehr langsam – und sie rotierten synchron!
Unsere Messgeräte zeigten elektronische und magnetische Felder in rhythmischem Pulsieren mit etwa 1 Hertz, überlagert von hochfrequenten elektromagnetischen Stakkato-Pulsfolgen. Radioaktivität konnten wir nicht feststellen.
Wer von uns hat in seiner Jugend nicht Science Fiction-Geschichten gelesen, ist dadurch vielleicht zur Raumfahrt hingeleitet worden? Unser erster Gedanke war natürlich: Fremde Raumschiffe!
Aber diese Körper waren nicht mathematisch perfekt, vielmehr leicht unsymmetrisch. Eigentlich wirkten sie irgendwie – na ja, irgendwie biologisch.
Wir diskutierten:
„Gut, nehmen wir einmal an, diese Kugeln sind von einer intelligenten Lebensform besetzt, oder sie sind eine intelligente Lebensform. Wie können wir mit ihnen Kontakt aufnehmen? Dass sie im Weltraum frei existieren können, sagt das dass sie intelligenter sind als wir? Wenn ja, wie können wir mit ihnen kommunizieren? Ich meine nicht die Mechanik... im allerschlimmsten Fall könnten wir es mit Klopfzeichen versuchen.... Ich meine: Wie können wir uns verstehen? Sind wir nicht in der Lage von Ameisen die mit einem Menschen kommunizieren wollen?“
„Andersherum ist es auch nicht einfacher. Sprich doch mal eine Ameise an!“
„Vielleicht sind sie ja nur große Zusammenschlüsse primitiver Einzellebewesen, so etwas wie riesige Schwämme - mit denen könnte überhaupt niemand reden.“
„Oder es sind doch nur irgendwelche riesigen mineralischen Gebilde?! Ergebnis rein physikalischer Prozesse die wir nicht kennen und verstehen?“
„Wie heißt es doch so schön: Das Weltall ist nicht nur höchst seltsam – es ist noch viel seltsamer als wir es uns vorstellen können!“
„Ja ja ... aber das hilft uns nicht ... es gibt tausend Möglichkeiten ... wie kommen wir weiter?“
„Wir müssen uns so ein Ding näher ansehen. Adamo soll mal rübergehen. EVA vorbereiten!“ (2)
Adamo war einer meiner sechs Kameraden. Jedermann kennt ... zumindest früher kannte jedermann – das berühmte Foto das zeigt wie Adamo zur ersten Kugel hinübertreibt. Ah, sie haben es auf ihrem Mobilen Gedächtnis! Sie werden es verwenden? Als Aufmacher? Gut so, es gibt kein schöneres!
Adamo stieß sich aus unserer Raumschleuse ab, trieb hinüber mit einer Geschwindigkeit die ihm ein sanftes Aufsetzen auf der Kugel erlauben sollte. Aber er kam nicht so weit.
Kurz vor der Kugel kam seine Bewegung zum Stillstand, dann versetzte ihn irgendetwas in eine ungleichförmige, stockende, taumelnde Drehbewegung. Er versuchte eine Meldung abzusetzen, aber seine Stimme erstarb. Voller Angst beobachteten wir wie er hin und hergedreht wurde, so als untersuche ihn irgendwer von allen Seiten. Eine Möglichkeit ihm beizustehen hatten wir nicht.
Schließlich endete das beklemmende Schauspiel, die Drehung hörte auf, Adamo erhielt einen kleinen Schubs und trieb zurück zu unserem Raumschiff, exakt in die Schleuse, wo ich ihn auffing. Als wir ihm aus dem EVA-Anzug geholfen hatten, schaute er sich verwirrt um. Er konnte sich nicht daran erinnern was ihm bei der Kugel widerfahren war.
Eine heftige Diskussion setzte ein, aber eine Erklärung fanden wir nicht. Die Kugeln mussten wohl irgendeine weit fortgeschrittene Zivilisation repräsentieren, und da gilt das alte Wort „Jede hinreichend weit über den eigenen Stand hinaus fortgeschrittene Technologie erscheint als reine Magie“. (3)
Als wir so richtig heftig am Diskutieren waren, setzte sich in meinem Kopf eine fremde Stimme durch, ein Gedanke, der von außen kam und die eigenen Gedanken zum Verstummen brachte. Aus der Körpersprache der anderen war zu ersehen dass es ihnen genauso erging. Die fremde Stimme sagte:
„Willkommen! Sie sehen vor sich Entitäten in einer Existenzform die Sie sich unmöglich vorstellen können. In uns sind Biologie und Technologie auf allen Größenskalen, bis hinunter zum Nanobereich, in einem Maße integriert die Ihr Begriffsvermögen bei weitem übersteigt. Denken Sie nicht weiter darüber nach – es werden Jahrtausende vergehen bis Sie – vielleicht – uns nacheifern können.
Wir haben uns für die Existenz im freien Raum entschieden. Unsere Energie beziehen wir aus dem Vakuum. Wir wachsen sehr langsam indem wir die in Supernovaexplosionen herausgeschleuderten schweren Elemente absorbieren und einbauen. Wir sind praktisch unsterblich da wir in unseren Körpern Nano-Agenten einsetzen, die alle Schäden reparieren können, in den Kristallgittern der technischen Komponenten ebenso wie in den Eiweißmolekülen unserer biologischen Bestandteile. Nur der Zusammenstoß mit einem großen Meteoriten kann einen von uns vernichten. Dann werden aus den Bruchstücken neue Entitäten unserer Art heranwachsen.
Sie wundern sich dass wir Ihre Sprache sprechen? Wir haben die Grundlagen gewonnen durch das Scannen des Gehirns dessen unter Ihnen den Sie Adamo nennen. Danach war es ein leichtes, die gesamte elektronische Bibliothek ihres nostalgischen Raumfahrzeuges zu übernehmen.
Wir erlauben Ihnen die Rückkehr zu Ihrer eigenen Zivilisation. Wir werden Ihnen auch die Fotos und anderen Aufzeichnungen von unserer Begegnung lassen, sogar die genauen Raumkoordinaten. Sie werden uns nicht mehr hier treffen wenn Sie oder Ihre Nachfolger hierher kommen.
Haben Sie noch Fragen?“
Eine kurze Pause trat ein, und da durchzuckte mich ein wahnwitziger, ein absurder, ein tollkühner Gedanke – und ich formulierte ihn so „ins Reine“:
„Wenn wir zurückkehren wird niemand uns glauben. Insbesondere das mit der Unsterblichkeit nicht. Können Sie nicht einen von uns unsterblich machen – als lebendigen Beweis?“
Ich hörte die zustimmenden Rufe meiner Kameraden: „Tolle Idee!“
Dann kam die Stimme von draußen zurück:
„Ja, das können wir. Wir können einem von Ihnen unsere Reparatur-Agenten einfügen und sie so programmieren dass sie den Status quo seines Körpers erhalten. Dann wird sein Körper nicht degenerieren, nicht altern, und er wird auch gegen die meisten Krankheiten immun sein. In Unfällen kann er natürlich immer noch sterben. Oder durch Selbstmord. Wer von Ihnen möchte sich zur Verfügung stellen?“
„Es ist Deine Idee, Du hast das Vorrecht!“ meinten meine Kameraden.
Ich versichere Ihnen: begeistert war ich nicht - mir war nicht recht wohl bei dem Gedanken.
„Geben Sie uns eine Stunde Bedenkzeit?!“
„Einverstanden!“ Die Stimme in unserem Kopf verschwand.
Eine hitzige Debatte setzte ein.
„Kann man dem Ding glauben?“
„ Wenn wir die Agenten in uns hineinlassen, was kann da nicht alles passieren? Vielleicht töten sie uns einfach um Material zu liefern für ihre Mutterkugel?“
„Vielleicht übernehmen sie uns, so dass die Hülle erhalten bleibt. Dann sind wir willenlose Marionetten .... und sie können in dieser Hülle in unsere Zivilisation eindringen?“
„ Vielleicht bauen sie uns zu so einer Kugel um? Oder...“
„Oder die Agenten verhindern dass sich im Gehirn neue Verbindungen aufbauen – man verliert sein aktives Gedächtnis, erinnert unabänderlich nur noch längst Vergangenes.“
„Ja, oder oder oder! Oder sie bringen uns tatsächlich die Unsterblichkeit? Nicht wirklich, sie – wir - können ja immer noch einem Unfall zum Opfer fallen – auch eine kleine Wahrscheinlichkeit wird dann zur Sicherheit wenn beliebig lange Zeit verfügbar ist... Aber doch: so etwas Ähnliches wie Unsterblichkeit! Potentiell viel viel länger als ein gewöhnliches Leben!“
Am Ende stimmten alle dafür dass ich das Wagnis eingehen sollte: „Du hattest die Idee!“
Ich gestehe, dass mir das Herz bis zum Hals schlug als ich mich aus der Schleusenkammer abstieß und auf die Kugel zutrieb. Je näher ich herankam, desto filigraner schien mir ihre goldene Oberfläche. Das changierende Leuchten entstand wohl durch feinste Strukturen, so wie die Farbspiele bei diesen alten Digitaldatenscheiben im Museum.
Ich hatte meinen Kameraden versprochen ununterbrochen zu berichten ----
---- als ich wieder zu Bewusstsein kam, trieb ich gerade zurück in die Raumschleuse.
Die Kameraden umringten mich, unser Mediziner begann mich zu untersuchen, da ertönte wieder die Stimme in unserem Kopf:
„Die Maßnahme ist gelungen. Mehr gibt es nicht zu sagen. Wir verlassen Sie jetzt. Setzen Sie Ihre Reise nach Belieben fort.“
Wir eilten zum Panoramafenster des Kommandostandes. Die Kugeln waren verschwunden.
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Eine glückliche Aufnahme der automatischen Außenüberwachungskamera: Nach einem Teil der Belichtungszeit muss die Kugel verschwunden sein; dadurch erscheint sie transparent.Wir führten unsere Forschungsreise planmäßig im Unterlichtgeschwindigkeitsbereich weiter und kehrten schließlich durch den Hyperraum zur Basis hier auf Gagarin zurück.“
Fernando Rasmussen schwieg, aber meine Journalistenneugier war noch nicht befriedigt.
„Ich möchte doch gerne hören, wie Sie die Zeit nach Ihrer Rückkehr erlebt haben. Waren Sie eine medizinische Sensation? Wann fingen Sie selbst an zu glauben dass Sie unsterblich sind? Wie hat diese Erkenntnis Ihr Leben beeinflusst?“
Fernando Rasmussen reagierte nicht eben begeistert auf mein Insistieren, gab aber nach:
„Na gut, etwas Zeit haben wir ja noch. Als wir zurückkamen und die Protokolle unserer Erlebnisse im Adler-Nebel bekannt wurden, da fielen zunächst einmal die Mediziner über mich her. Man wollte unbedingt herausfinden ob irgendetwas anders war in meinem Körper als bei anderen Menschen – doch unzählige Tests blieben ergebnislos – man konnte nichts finden. Viele zweifelten damals dass in meinem Körper überhaupt ungewöhnliche Erhaltungskräfte am Werke waren, sie hielten die Idee von der Unsterblichkeit für ein Hirngespinst, ein Art religiösen Anfall. Andere argumentierten: im menschlichen Körper gibt es mehr Bakterien und Mikroorganismen als körpereigene Zellen und man bemerkte sie gewöhnlich nicht; Nanoagenten mussten noch viel kleiner sein und noch schwieriger aufzuspüren.
Waren die Mediziner und Forscher schon lästig, so waren andere Mitmenschen echt gefährlich: Dreimal wurde ich überfallen und verschleppt, und man entnahm mir verschiedene Gewebeproben um sie irgendwelchen Superreichen zu transplantieren die hofften dadurch unsterblich zu werden.“
„Hat es funktioniert?“
„Nein! ........ Also, eine medizinische Sensation war ich nicht. Jedenfalls zuerst nicht. Die Mediziner interessierten sich erst dann wieder für mich, als kein Zweifel mehr bestand dass ich nicht alterte. Das wurde offenbar bei den Tauglichkeitstests, die man als Raumfahrer ja alle zwei Jahre ablegen muss. Körperliche, physiologische, neurologische, kognitive Werte blieben, im Rahmen der Messgenauigkeit, exakt konstant. Als ich bei noch immer unveränderten Werten 100 Jahre alt wurde – ja, da war ich eine Sensation. Ich glaube, ich wurde durch alle einschlägigen Forschungsinstitute der Galaxie durchgereicht. Ergebnis: Keines. Außer der schlichten Tatsache dass ich nicht älter wurde. Da die Arbeiten so völlig ergebnislos blieben, versiegten schließlich die Geldquellen. Die Forscher gingen zu ergiebigeren Themen über. Ich konnte endlich wieder ungestört meinem Beruf nachgehen.
Mein Beruf: das war noch immer die Raumfahrt. Als erfahrener Forschungsastronaut mit erstklassigem Gesundheitszeugnis hatte ich keine Probleme eine Heuer zu bekommen. Meine Kameraden? Na ja, zuerst war ich ein bunter Hund in einer Mannschaft von Männern und Frauen die meine Ur-Urenkel hätten sein können, aber das ging bald in der täglichen Arbeit unter.
Ur-Ur-? Wie viele „Urs“ müsste ich vor das „Enkel“ setzen? Ich habe die Übersicht verloren. Vielleicht sind sie jetzt in der zehnten Generation? Ist ja auch wirklich nicht so wichtig: Mein Sohn hatte 50% der Gene von mir, meine Enkel 25% ... nach 10 Generationen ist es nur noch ein 1024stel. Was ist so aufregend an einem Nachkommen? Ja, wenn man bestenfalls 100 Jahre alt wir, bestenfalls einen Urenkel sieht, dann ist es etwas anderes ....
Frauen? Ich erinnere mich an ein paar ... Aber die erste Liebe gibt es eben nur einmal ....
Abenteuer? Ja, ich habe bei der Wahl meiner Raumfahrtmissionen darauf geachtet dass es möglichst vielfältige Reisen waren, zu möglichst ausgefallen Zielen. Da gibt es schon dieses oder jenes Abenteuer. Aber der Großteil jeder Reise ist Routine. Je länger man dabei ist, desto mehr.
Nein, mein Gedächtnis hat nicht nachgelassen. Keine Altersdemenz! Am besten erinnere ich mich an die frühen Jahre, an die „ersten Male“. Und an das ganz Neue. Dazwischen das versinkt so langsam ...
Freundschaften? Klar kann ich mich an diesen oder jenen Freund, diese oder jene Freundin erinnern. Aber ... es ist schon traurig wenn sie einen alle verlassen. Wenn man einen neuen Freund findet und vom ersten Tag an weiß: Er wird vor mir gehen, ich werde wieder allein sein.“
Fernando Rasmussen war in eine nachdenkliche, ja melancholische Stimmung geraten. Er verfiel in Schweigen, ich wagte nicht ihn zu stören.
Auf dem Tisch stand eine Mondchrysolith-Vase mit einer weißen Lilie, der perfekten Nachahmung einer jener Blumen die es einst auf unserem alten Heimatplaneten gegeben hatte. Fernando Rasmussen nahm sie in die Hand, drehte sie ein wenig hin und her, sagte dann:
„Vollkommen – sie ist vollkommen. Sie wird nie verwelken. Aber sie ist nicht lebendig. Was nicht sterben kann ist nicht lebendig. Nur das lebt wirklich, was sterben kann.
So, jetzt muss ich zum Briefing. Leben Sie wohl!..... Das letzte, das müssen Sie ja nicht unbedingt alles schreiben!“
Er grinste ein wenig verlegen, als er aufstand. Auch ich erhob mich um ihm die Hand zu drücken:
„Vielen Dank dass Sie sich die Zeit genommen haben! Dürfen wir Ihnen ein Exemplar unseres bibliophilen Jubiläumsbandes schicken?“
Er zögerte kurz, nickte dann: „Ist schon gut ... schicken Sie ruhig!“
Er wandte sich um, ging fest federnden Schrittes.
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Das vorstehende Interview sollte in unserem Prachtband zum 300. Jubiläum von „Acta Galactica“ erscheinen.
Jetzt ist daraus Teil eines Nachrufs geworden.
Am 23. April 2705, um 17:33 Galaktischer Referenzzeit, stürzte unweit von Tsiolkovsky-Base der Raumtender „Ares 4“ ab und explodierte beim Aufschlag. Die einzige Person an Bord war Fernando Rasmussen.
Fernando Rasmussen hatte von den Unsterblichkeit verleihenden goldenen Äpfeln der Hesperiden nur naschen dürfen. (4)
1 Anmerkung der Redaktion:
Damals wurden aus unerfindlichen Gründen die Raumschiffe der Galaktischen Explorations-Agentur nach Göttern und Helden benannt, die 3000 Jahre früher in den Mythen unseres alten Heimatplaneten eine Rolle gespielt hatten.
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Anmerkung der Redaktion: EVA bedeutet Extra Vehicular Activity – Aktivität außerhalb des Fahrzeuges. Der Ausdruck stammt noch aus den Anfängen der Raumfahrt als man „Englisch“ sprach.
3 Anmerkung der Redaktion:
Die Aussage geht auf eine Feststellung von Arthur C. Clarke zurück, einem Schriftsteller des ausgehenden 2. Jahrtausend.
4 Wikipedia Archaeologica:
Die Hesperiden – eine Gruppe von Nymphen - hüteten in einem wunderschönen Garten weit weg am Rande der bewohnten Welt einen Wunderbaum mit goldenen Äpfeln, den Gaia der Hera zu ihrer Hochzeit mit Zeus wachsen ließ. Die Äpfel verliehen den Göttern ewige Jugend. Der Baum wurde durch einen hundertköpfigen Drachen bewacht. Nur Herakles war in der Lage, die Äpfel zu rauben. Durch eine List bewog er Atlas, den Vater der Hesperiden, für ihn die Äpfel zu pflücken, da er sie für die Erfüllung seiner zwölf Arbeiten benötige. Auftraggeber Eurystheus jedoch, dem Herakles die Äpfel übergab, gab sie weiter an Athene, die sie wieder zurück an ihren Platz legte.