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Die Ratten des frommen Mannes
1 In Deshnok
„Ich gestehe, Ihr Wunsch hat mich etwas verwirrt!“ bemerkte der indische Ministerpräsident, als er mit seinem hohen Gast inmitten zahlreicher Begleiter auf den Tempel von Deshnok zuschritt. „Deshnok ist kein Ort auf den ich als Oberster Repräse-tant des neuen aufgeklärten Indien besonders stolz bin. Aber Sie bestanden ja da-auf ...“
Der hohe Gast lächelte: „Eine Schwäche von mir ... ich gebe es zu. In meiner Jugend habe ich alte Bücher gelesen ... habe mir vorzustellen versucht wie Indien wohl vor dem Großen Krieg aussah. Viel ist ja nicht übriggeblieben. Der Karni-Mata-Tempel von Deshnok soll einer der wenigen Orte sein an dem sich seit Jahrhunderten nichts geändert hat.“
Der Ministerpräsident verbarg seine Gedanken hinter einem diplomatisch-freundlichen Lächeln.
„Da Sie sich so viel mit unserer Geschichte beschäftigt und sich den Besuch in Deshnok ausdrücklich gewünscht haben, brauche ich Ihnen den Hintergrund wohl nicht breit zu erzählen. Karni Mata soll im 15. Jahrhundert gelebt haben und noch zu Lebzeiten als Heilige verehrt worden sein. Nach einer Legende ist ihr der tote Sohn einer Fürstenfamilie gebracht worden, um ihn wieder zum Leben zu erwecken. Da-aufhin hat sie in Trance den Totengott Yama um die Herausgabe des verstorbenen Kindes gebeten. Yama hat jedoch geantwortet, er könne ihr die Seele nicht übereignen, da das Kind schon wiedergeboren sei. Daraufhin hat Karni Mata geschworen, dass niemand ihres Volkes je wieder das Totenreich des Gottes Yama betreten würde, und die verstorbenen Seelen nach ihrem Tod als Ratte wiedergeboren würden. Karni Mata wird in neuerer Zeit selbst als Göttin verehrt .. ich bedaure es sagen zu müssen ...
Jedenfalls ist der Tempel der Karni Mata den Ratten heilig. Niemand weiß wie viele dort leben ..... 10 000? 20 000? Es geht ihnen gut. Die Besucher versorgen sie mit Speisen und Getränken. Wenn wir reingehen – seien sie vorsichtig! Es bringt großes Unglück wenn Sie auf eine Ratte treten. Glück dagegen bedeutet es wenn eine Ratte Ihnen über den Fuß läuft. ......... Wenn Sie wollen dürfen Sie ihre Strümpfe anbehalten, aber die Schuhe müssen Sie ausziehen.“
Der hohe Gast entledigte sich seiner Schuhe, und die Gruppe betrat den Tempel.
- - - -
„Diese Ratten sind ja außerordentlich friedlich, ja zutraulich,“ bemerkte der hohe Gast nach dem Besuch. „Im allgemeinen gelten Ratten ja als äußerst unangenehme Tiere die man nicht gerne in seiner Nähe hat. Aber die Ratten hier – sind sie nicht geradezu ein Symbol dafür dass friedliches Zusammenleben überall und jederzeit möglich ist? Möglich sein muss! Wie uns der Große Krieg gelehrt hat! Was meinen Sie?“
„Die Ratten leben hier schon so lange in einer friedlichen Umgebung. Deswegen tolerieren wir sie, tolerieren ihren absurden Kult, tolerieren diese ganze abartige Religion. Die Ratten draußen im Land – das sind die gewöhnlichen widerlichen Biester ... wir schlagen sie tot wo wir können! Das reine Wunder dass noch niemand auf die Idee gekommen ist sie als Waffe zu verwenden. Zur gezielten Verbreitung des Pest zum Beispiel. Oder man könnte sie mit Psychopharmaka akut zu äußerster Aggressivität aufputschen, wie man es im Großen Krieg mit Soldaten gemacht hat. Und wenn man sich genug Zeit lässt, dann könnte man eine besonders aggressive Rasse züchten und die dann in unseren Städten loslassen. Vor 150? 200? Jahren hat das in Russland ein gewisser Dimitri Belyaev gemacht, noch ganz ohne die gentechnischen Möglichkeiten die wir heute haben. Erst hat er Füchse zu Schoßhunden gezüchtet. Und dann, gewissermaßen als Gegenprobe, hat er Ratten auf aggressiv gezüchtet. Die Biester sollen schreckenerregend gewesen sein.“
„Was ist aus ihnen geworden?“
„Das weiß ich nicht ... es ist eine gute Frage.“
2 In den Bergen
Das Zentrum der Sekte lag in einem Urwald im Herzen Indiens. Das enge und steile Tal war für die Landwirtschaft nicht geeignet. Die besten Bäume hatte man gefällt, danach füllte verfilzt wucherndes Gestrüpp den Talboden. Es war damals, vor 50 Jahren, nicht schwierig gewesen hier Land für eine Kleintierzucht zu erwerben – Minischweine, Kaninchen, Laufenten .... Ein solches Gewerbe sorgte dafür dass man allerlei Material kaufen konnte ohne Aufsehen zu erregen. Man konnte sogar Besucher in die Züchterei führen! Was dahinter im Dschungel lag bekam niemand zu sehen.
Der Führer der Sekte hatte seine Männer um sich gesammelt. Es war ein uralter gebückter Mann, seit langem blind. Eisgraues Haar hing unordentlich um seinen lederbraunen Schädel. Seine toten weißen Augen schienen eine andere Wirklichkeit zu sehen. Aber es war nicht die Erinnerung an die Aufbaujahre, damals als er die Sekte gründete – er sah in die Zukunft:
„Sind wir bereit zum Losschlagen?“
Zustimmende Kampfschreie antworteten ihm.
„Wie viele haben wir?“
„250 000!“
„Sind sie scharfgemacht?“
„Wir haben sie hungern lassen. Dann haben wir sie auf die gekauften Kinder und die entführten Touristen losgelassen. Sie haben getan was sie sollten, aber ....“
„Was „aber“? Ah - es war kein schöner Anblick? Morgen wird euch besser gefallen was ihr sehen werdet! ......... Sie sind wieder hungrig?“
„Ja!“
„Die Wagen mit den Magazinen sind bereit?“
„Ja!“
„Beginnt mit dem Laden!“
Ein paar Stunden später rollten fünf schwere Sattelschlepper vorsichtig die Schotterstraße hinab die aus dem Tal führte.
3 In Gandhi-CityDie neue Hauptstadt Indiens, geschaffen nach dem Großen Krieg, liegt auf einer Hochebene im Herzen des Landes. Inmitten der Stadt, auf einer flachen Anhöhe, erhebt sich die „Halle der Weisheit“. Schon aus weiter Entfernung leuchtet ihre gewaltige Kuppel, die größte und schönste die Menschen je geschaffen haben. Die besten Ingenieure und die größten Künstler ihrer Zeit haben an dem Bau mitgewirkt. Nach Osten hin wirkt er wie offen, die Kuppel wie schwebend. Schmale Säulen, mit der neuen Technik fast unsichtbar gemacht, tragen das Gewölbe. Durch weitgespannte Tore betritt man die Halle. Drinnen wandelt man unter der hohen Kuppel wie unter dem Blätterdach eines dichten Laubwaldes: blaues, grünes, goldenes Licht fällt durch das transparente Material; wenn es draußen dunkel wird leuchtet die riesige Fläche selbst in geheimnisvollem Schimmer. Von der großen Halle kann man in die kleineren Nebenkuppeln treten. Diese sind der Meditation geweiht oder dienen der Bildung; hier lehren die neuen Philosophen ihre Lebensweisheit, hier finden die weihevollen Lebensfeiern statt.
An jenem verhängnisvollen Tag, von dem nun zu berichten ist, betraten der Ministerpräsident Indiens und sein hoher Gast samt ihren Begleitern das majestätische Bauwerk am frühen Nachmittag. Sie machten einen Rundgang durch die Halle. Der Gast bewunderte die Denkmale die an die großen Weisheitslehrer der Menschengeschichte erinnerten: Sokrates, Buddha, Konfuzius, Jesus, Franz von Assisi, Mahatma Ghandi ....., auch an die großen Wissenschaftler welche die Gesetze dieser Welt aufgedeckt hatten.
Nach dem Rundgang begab sich die Gruppe zu dem ringsum durch Lichtstreifen gekennzeichneten Bereich der Bühne. Langsam erhob sie sich mit der Gruppe vom Boden und hielt eben über den Köpfen der von allen Seiten herbeiströmenden Besucher der Halle inne. Das Licht in der Halle schien sich auf die Menschen auf der Bühne zu konzentrieren, der Rest des großen Raumes versank in Dämmerung.
Der Ministerpräsident stellte den hohen Gast vor: Der neue Oberste Repräsentant der Weltregierung war in die Stadt des Friedens gekommen. Nach kurzer Begrüßung übergab er das Wort an den Gast. Der bedankte sich für den freundlichen Empfang, rühmte das wunderbare Gebäude und griff dann auf die Geschichte zurück:
„Als der Große Krieg tobte, war ich noch ein kleiner Junge. Auf unserem Inselchen im Pazifik kam der Krieg zu uns mit Jahren des Hunger. Meine Mutter duldete eher still, mein Vater zweifelte zornig, in vielen Gesprächen mit Freunden, die unser bescheidenes Haus besuchten, an der Zukunft des Menschengeschlechtes.
Der Krieg ging zu Ende nicht weil Vernunft siegte, sondern durch allgemeine Erschöpfung. Die Ernte des Todes war fürchterlich gewesen: 20% der Erdbevölkerung waren gestorben durch Einsatz all der schrecklichen Waffen die wir erfunden hatten, durch Seuchen die wir selbst unter den jeweiligen Gegnern verbreiteten, durch Hunger weil niemand mehr die Felder bestellen konnte. Der Krieg wurde – und das hatte wirklich niemand erwartet - immer wieder angeheizt durch die verschiedenen Religionen die für ihre „Wahrheit“ kämpften.
So konnte das Ergebnis des Erschöpfungsfriedens nach fürchterlichem Krieg nur sein dass die Menschheit sich endlich darauf besann erwachsen zu werden, sich von all den illusionären Religionen zu verabschieden und sich der eigenen Vernunft anzuvertrauen.
Nie mehr sollte das Denken schon unserer Kinder durch irreale Wahnvorstellungen von einer jenseitigen Macht und durch abstruse Mythen verkrüppelt werden;
Nie mehr sollten Dogmen ohne reale Substanz den Fortschritt der Menschheit behindern;
Nie mehr sollten die Mächtigen die Schwachen, die Reichen die Armen, die Männer die Frauen durch Verweis auf eine angeblich gottgegebene Weltordnung unterdrücken;
Nie mehr sollten ...“Im Eingangsbereich der Halle entstand Unruhe. Die Menschen drehten sich nach draußen hin um, wo Motorenlärm immer mehr anschwoll, wo Menschen schrieen.
Im mittleren Eingang tauchte wie ein gewaltiges Ungetüm ein Sattelschlepper auf, raste in die Halle, ohne Rücksicht über die Menschen hinweg die nicht schnell genug ausweichen konnten, und kam vor der Bühne zu stehen. Ein weiteres Fahrzeug folgte, noch eines, noch eines, noch eines. In einer unregelmäßigen Front standen sie nebeneinander vor der Bühne.
Eine Lautsprecherstimme erhob sich über das Schreien und Stöhnen der überwalzten, zur Seite geschleuderten Menschen:
„Tag der Rache, Tag des Sieges! Karni Mata übernimmt die Macht!“
Die Seiten der langen Auflieger der Sattelschlepper fielen herab, und heraus stürmte gleich einer Schlammflut eine schier unendliche Zahl von Ratten.
Die Ratten stürzten sich wutkreischend auf die Menschen. Verbissen sich in ihre Beine, warfen sie zu Boden, zerfleischten Hälse, zerfetzten Gesichter, gruben sich in Augen.
Eine ungeheure Panik entstand. Wer dem Ansturm der grässlichen Flut noch nicht erlegen, versuchte nach draußen zu entkommen. In blinder Flucht riss man sich gegenseitig um, trampelte über Lebende und Tote hinweg. Der Großteil der Ratten folgten den Fliehenden. Andere sammelten sich um die Bühne.
Die Bühne war zu hoch für die Ratten um einfach hinauf zu springen. Ein paar Menschen sahen ihre Chance, versuchten hinaufzugelangen. Die Menschen auf der Bühne streckten ihre Arme aus um ihnen zu helfen. So entstand eine Brücke vom Boden zur Bühne, die Ratten nutzten sie. Wie eine Fontäne gegen die Schwerkraft emporsteigt so strömte die braune Flut der Ratten empor um auch oben ihre grausige Aufgabe zu erfüllen.
4 In den Bergen
Die Ratten verbreiteten sich über das ganze Land. Die Sicherheitskräfte bekämpften sie mit allen verfügbaren Waffen - allzu viele war ja nach dem Großen Krieg verschrottet worden – „Schwerter zu Pflugscharen“. Bürgerwehren wurden gebildet, die mit schweren Knüppeln Patrouille gingen. Es dauerte Wochen bis wieder so etwas wie Normalität einkehrte.
In der Halle der Weisheit entdeckte man die Fahrer der Sattelschlepper, die sich in ihren Fahrerhäusern verbarrikadiert hatten. Man zog sie hervor und schlug sie mit Knüppeln tot wie ihre Ratten.Aus den Schmutzspuren an den Fahrzeugen konnte man herleiten, aus welcher Gegend des Landes sie gekommen waren. Es dauerte nur Tage bis die Sicherheitstruppen das Zentrum der Sekte entdeckten. Das Anlage wirkte auf den ersten Blick menschenleer.
Die Tiere in den legalen Teilen des Unternehmens – die Minischweinchen, Kaninchen, Laufenten – waren großenteils verhungert oder verdurstet. Im geheimen hinteren Teil der Anlage fand man nur noch eine kleine Zahl von Ratten in ihren Käfigen, ein paar hundert vielleicht. Sie waren rasend vor Hunger, warfen sich kreischend gegen die Gitter ihrer Käfige, bissen in den Edelstahl als sie der Menschen ansichtig wurden.
Unter einem schattenspendenden Baum fand man schließlich den Führer der Sekte. Der Alte begrüßte mit stolzen und höhnischen Worten die Sicherheitstruppen die er nicht sehen konnte. Der Führer der Truppe wollte ihn festnehmen, aber seine Leute rebellierten. Man entließ die verbliebenen Ratten in den großen Laufkäfig in dem noch die grausigen Überreste der Opfer rotteten, an denen man die Aggressivität der Tiere getestet hatte. Einer aus der Truppe, der Frau und Tochter in der Halle der Weisheit verloren hatte, packte den Alten und stieß ihn in den Käfig hinein. Die Ratten taten das Werk zu dem man sie gezüchtet.
Anmerkung: Die Beschreibung des Rattentempels wurde aus Wikipedia übernommen. Eine Beschreibung der erwähnten russischen Versuche findet man im Kapitel "Evolution" der Ergänzungen zu "Mensch und Realität", im Abschnitt "Belege/Haustierzucht". Der Rest der Geschichte ist Phantasie.