<<<<  zurück zu "Willkommen"            zum Archiv der Erzählungen  >>>>
 


 
 

Die Legende von der Zeitreise des Zimmermanns
Jehoshua aus Nazareth, auch Jesus genannt



Nachdem Jehoshua sich von Johannes hatte taufen lassen, suchte er seinen Weg. Nach dem Vorbild frommer Männer ging er in die Wüste und fastete, vierzig Tage und Nächte .  (Matthäus 4. 1, 2)

Am vierzigsten Tage aber erschien vor ihm in der steinigen Wüste etwas höchst Seltsames. Es war wie eine gewaltige Kugel die da in der gleißenden Sonne schimmerte. Über ihre Oberfläche liefen bunte Schemen – oder zeichnete sich da ab was im Inneren der Kugel vor sich ging? Vor der Kugel aber formte sich eine seltsame Gestalt. Sie sah aus wie ein Mann, dann aber auch wieder nicht.

Jehoshua streckte seine Arme aus und schrie: „Hebe dich hinweg, Satan!“

Aber das Wesen verschwand nicht, sondern sprach mit einer Stimme, die zugleich tief und hoch war als sprächen mehrere Menschen im Chor:

„Fürchte dich nicht! Ich bin nicht der für den du mich hältst, aber du kannst mich so nennen, es stört mich nicht.“

„Wer bist du denn?“

„Ich bin ein Reisender, aus einem anderen Universum und einer anderen Zeit. Die Welt – das sind unendlich viele Universen, die in Ewigkeit entstehen und wieder vergehen. Wir haben gelernt zwischen einigen davon zu reisen, in die Vergangenheit oder in die Zukunft. Ich kann Dir zeigen wie die Zukunft in diesem deinem Universum hier aussieht. Dann kannst Du entscheiden, ob Du hier bleiben oder lieber mit mir in ein anderes Universum gehen willst.“

Und Jehoshua sagte: „Zeige mir die Zukunft!“ Und der Fremde, den er „Satan“ nannte, nahm ihn mit in die Zukunft.

Zuerst zeigte der Fremde Jehoshua, wie dessen eigenes Leben weiterging. Jehoshua sah mit Freude sich selbst wie er predigte, wie er die Kinder und die Armen und die Verachteten in seine Arme nahm, wie er unendliche Liebe und unendliche Vergebung lehrte, wie er so manchen Kranken heilte, wie er weise Urteile fällte, wie das Volk ihn liebte. Er sah wie er umjubelt in Jerusalem einzog,  -  und er sah wie er gefoltert und hingerichtet wurde. Und die Angst griff nach Jehoshuas Herz.

„Nein, das ist nicht das Ende,“ sagte der Fremde, „die Geschichte geht weiter!“

Und der Fremde führte Jehoshua weiter in der Zeit und zeigte ihm das Ende Jerusalems unter dem Ansturm der Römer. Aber den Jehoshua vergaßen die Mensche nicht. Sie begannen seine Taten und Worte aufzuschreiben und zu verbreiten und immer wieder neu aufzuschreiben. Von Mal zu Mal wurde die Berichte über gewirkte Wunder phantastischer, von Mal zu Mal wurden dem Jehoshua mehr Worte in den Mund gelegt, die er nie gesprochen, die aber dem gegenwärtigen Interesse seiner gläubigen Nachfolger dienten. Plötzlich aber stand da geschrieben dass Jehoshua sich selbst zum Gott erklärt hatte, der in einem letzten Weltgericht die Böcke von den Schafen scheiden und alle in ewiges Feuer schicken werde (Matthäus 25. 31-41) die nicht seinen Willen erfüllt hatten. Als Jehoshua das sah, erschrak er und schrie: „Nein! Es ist gelogen! Ich habe Gott nicht gelästert!“

Und der Fremde führte Jehoshua weiter in der Zeit und zeigte ihm die Stadt Rom, wie die dort verfolgten Gläubigen plötzlich durch die Laune eines Kaisers an die Macht kamen und sie nicht mehr hergaben. Sie entwickelten eine komplizierte Lehre von einem Gott der drei in eins war, und ein Teil davon war Jehoshua, den sie jetzt „Jesus“ nannten in der römischen Sprache die er immer verabscheut hatte, oder „Christus“, der Gesalbte. Als straff hierarchisch organisierte Organisation mit einem Alleinherrscher an der Spitze gewann die irdische Organisation, genannt „christliche Kirche“, große Macht, eignete sich Ländereien an und sammelte Schätze. Als Jehoshua das alles sah, verwunderte er sich sehr. „Das kann doch nicht sein, das kann doch nicht sein!“ murmelte er.

Und der Fremde führte Jehoshua weiter in der Zeit, da entwickelte die christliche Kirche in Rom eine unerhörte Grausamkeit. Als es ihr gelang Jerusalem von Menschen zurück zu erobern, die Gott unter einem anderen Namen verehrten, da schonten die Eroberer nicht Mann noch Weib, nicht Kind noch Greis (4. Mose 31.14-18; Buch Josua 6. 20 und 21; 5.Mose 3. 1-7).   Die Kinder zerschmetterten sie, die Häuser plünderten sie, die Frauen schändeten sie (Jesaia 13. 13-16 ) .    „So steht es im Buch der Bücher!“ schrieen sie und wateten knöcheltief im Blut. Wer aber in der Heimat der christlichen Kirche Zweifel hegte an dem was die Kirche predigte, für den erfand man die Heilige Inquisition, er wurde aufs grausamste gefoltert und zuletzt öffentlich bei lebendigem Leibe verbrannt. „So steht es im Buch der Bücher!“ schrieen die Priester ( Markus 9. 42-48). Frauen aber, die sich auf Heilkunst verstanden oder als Hebammen Kindern zur Welt halfen, die wurden als Hexen denunziert, man folterte sie in der perversesten Weise und verbrannte sie zuletzt öffentlich. „So steht es im Buch der Bücher!“ schrieen die Priester (2.Mose 22. 17) . Die christliche Kirche aber mästete sich an den Gütern der Ermordeten und baute großartige Kathedralen. Das rechtlose Bauernvolk jedoch hungerte. Als aber Jehoshua das alles sah, da wandte er sich ab, voll Abscheu, voll Trauer und Zorn. „In meinem Namen! In meinem Namen!“

Und der Fremde führte Jehoshua weiter in der Zeit und zeigte ihm eine Stadt in Deutschland, da lebte ein Mann der wollte die Kirche reformieren. Es war ein starker Mann, ein mutiger Kämpfer: er scheute sich nicht den Fürsten der Kirche die Stirn zu bieten. „So wird jetzt alles besser werden!“ freute sich Jehoshua. Aber der Fremde antwortete: „Leider nein! Dieser große Reformator wird sich zugunsten der weltlichen Fürsten „wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ wenden, er wird gegen die Menschen deines Volkes hetzen mit seiner Schrift "Von den Juden und ihren Lügen", er wird mit seinen Predigten die Verbrennung von Hexen für richtig und notwendig erklären. Er wird sich dabei immer auf  das Buch der Bücher beziehen, das auch Deine Taten berichtet.“ Jehoshua aber war nur noch traurig.

Und der Fremde führte Jehoshua weiter in der Zeit und zeigte ihm eine Hexe die lebendig verbrannt wurde, und sagte: „Freue Dich, sie ist die letzte!“ Jehoshua freute sich und sagte: „So gilt jetzt doch die Liebe die ich gelehrt habe! Die Kirche, die sich nach mir nennt, hat sich bekehrt!“ Aber der Fremde schüttelte den Kopf und sagte: „Nein! Es waren Menschen die gerade nicht mehr das glauben was Deine Kirche lehrt, die gerade nicht mehr glauben dass Du Gottes Sohn bist, die gerade nicht mehr glauben dass Du  sie erlöst hast, diese Menschen haben den Gräueln ein Ende gemacht. Man nennt sie Humanisten und Aufklärer.“ Da war Jehoshua noch viel trauriger.

Und der Fremde führte Jehoshua weiter in der Zeit und zeigte ihm das Land des großen Reformators Jahrhunderte später. Und Jehoshua sah dass die Saat des großen Reformators hier immer noch kräftig blühte. Zum Geburtstag des großen Reformators sah Jehoshua die Tempel seines Volkes brennen (Martin Luther wurde am 10.11.1483 geboren. In der Nacht 9./10.11.1938  brannten in Deutschland die Synagogen  („Reichskristallnacht“, „Reichsprogromnacht“).  Er sah dass die Menschen seines Volkes gefangen wurden und abtransportiert in Lager. Und wenn sie ankamen im Lager mussten sie antreten an der Rampe zur Selektion,  und da waren Söldner und sie winkten links oder rechts, und die Menschen auf der einen Seite wurden als Sklaven zur Arbeit geführt, die auf der anderen Seite aber wurden in Gaskammern gebracht und getötet, und dann verbrannte man sie. Jehoshua war sehr zornig, aber der Fremde sagte: „Was regst Du Dich auf? In dem Buch der Bücher, das sie auch einfach Bibel nennen, steht dass Du selber einmal die Menschen selektieren willst, und die Du auf die linke Seite winkst, die willst Du in ein ewig brennendes Feuer schicken.“ (Matthäus 13. 40-42; Matthäus 25. 31-34 / 41).   Und Jehoshua wurde noch mehr zornig:  „Ich? Ich, der die Menschen unendliche Liebe und Vergebung lehren will? Oh Lüge und Verleumdung!“

Und der Fremde führte Jehoshua weiter in der Zeit und sagte zu ihm: „Da schau Dir an was aus Deiner Lehre geworden ist!“ Und Jehoshua sah dass in den reichen Ländern die Priester behaupteten den alten Glauben zu lehren. Aber die Kirche war ein Wirtschaftsunternehmen wie andere auch. Sie bot den Menschen gegen Geld was sie wollten: den einen bot sie Unterhaltung und „Events“, den anderen Emotionen, den dritten feierlichen Prunk. Die Priester sprachen in den Kirchen  ihr altes Glaubensbekenntnis,  aber sie glaubten nicht was sie sagten. Die Priester und ihre  Oberpriester sprachen mild davon man müsse Gottes Natur schützen und den Armen helfen und den Frieden in der Welt bewahren. Aber sie achteten darauf sich nicht mit den Mächtigen zu verzürnen, das waren die Reichen. So wurden die Reichen reicher und die Armen ärmer, und die Armen büßten für die geplünderte Erde.  Und sie töteten sich gegenseitig mit den Waffen welche die Reichen unter den Augen der Priester ihnen verkauft hatten. Und die Priester in den armen Ländern trösteten die Verhungernden und verwiesen auf die Ewige Seeligkeit. Aber sie glaubten selbst nicht daran. Jehoshua knirschte mit den Zähnen: „Seied heiß oder kalt! So ihr aber lau seid, will ich euch ausspeien!“ (Offenbarung 3.16)

Und der Fremde führte Jehoshua weiter in der Zeit und sagte zu ihm „Da schau hin!“ Aber Jehoshua verschloss die Augen und sagte: „Ich will nicht mehr! Bring mich zurück!“

Und der Fremde brachte Jehoshua zurück in die Wüste: „Mehr kann ich jetzt nicht tun! Ich habe Dir genug gezeigt. Die Entscheidung, ob Du in diesem Universum leben willst oder in einem anderen, in das ich Dich bringen kann, musst Du selbst treffen. Geh jetzt zurück zu den Deinen. Du kannst jederzeit zu mir zurückkehren. Ich werde hier auf Dich warten so lange Du am Leben bist, denn Zeit bedeutet mir wenig.“

Traurig sah er dem fortschreitenden Jehoshua nach und wartete. Aber Jehoshua kam nicht wieder. So kehrte der Fremde in sein eigenes Universum und in seine eigene Zeit zurück.

Jehoshua aber ging zu den Seinen. Er erzählte, dass der Teufel ihn versucht habe und dass er über den Teufel gesiegt habe: „Hebe Dich hinweg, Satan!  sagte ich. Und da verließ er mich.“ (Offenbarung 3.16)

Und siehe, es geschah alles so wie es der Fremde gesagt hatte.
Jehoshua ging seinen Weg, um seinem Volk das Reich Gottes auf Erden zu bringen.
Aber es kam die christliche Kirche.
 
 

Anmerkung: In dieser Erzählung wird auf einige Bibelstellen bezogen, die kein gutes Licht auf den moralischen Standard der "Heiligen Schrift"  werfen.  . Sehr viel mehr ähnliche Zitate aus der Bibel und Kommentare dazu finden sich hier: "Anmerkungen zur Bibel ...".
 

<<<<  zurück zu "Willkommen"            zum Archiv der Erzählungen  >>>>