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Bericht der Vorstandsvorsitzenden der EEW



Meine Damen und Herren vom Aufsichtsrat!

Eine Vorbemerkung zu meinem Bericht. Unsere Konkurrenz wird mit Sicherheit alle verfügbaren Mittel der Wirtschaftsspionage einsetzen.  Sie kennen das alte Sprichwort: Wände haben Ohren. Ich werde daher nur prozentuale Veränderungen gegenüber dem Vorjahr nennen.  Die absoluten Zahlen entnehmen Sie bitte der verteilten elektronischen Datei, die Sie mit Fingerabdruck- und Augenscanner zur zeitweisen Ansicht aufrufen können.

Haben Sie Probleme mit der Aktivierung? Nein? Dann zur Sache!

Es gibt eine Frage, die Ihnen wohl allen auf der Zunge liegt - ich will sie unverzüglich beantworten bevor ich auf die Einzelheiten des abgelaufenen Geschäftsjahres eingehe.

Die Entscheidung, unserem Unternehmen einen neuen Namen zu geben, wurde 2078 noch kontrovers diskutiert, 2080 mutig beschlossen, und 2081/82 zügig umgesetzt. Die Frage aller Fragen ist: Hat sich die Namensänderung bewährt?

Die Antwort ist ein klares "Ja!". Seitdem wir unsere Produkte nicht mehr unter dam alten, man möchte sagen: mittelalterlichen Namen anbieten, seitdem wir vielmehr mit unserem Namen klar und deutlich verkündigen, was wir anbieten:
 

  • Events
  • Entertainment
  • Wellness


hat sich unser Geschäft sehr zufriedenstellend entwickelt.
 
Gewiss, ein paar wenige Personen, zumal fortgeschrittenen Alters, haben die Namensänderung bedauert oder gar scharf kritisiert. Wichtiger aber als das Klagen der Ewig-Gestrigen ist folgendes: Die lästigen Vorwürfe einer "Etikettenfälschung" sind verschwunden, niemand kann uns mehr wegen bewusster Irreführung der Bevölkerung mit Prozessen überziehen. Nicht gering ist auch ein praktischer Vorteil einzuschätzen: Suchmaschinen finden unser Angebot jetzt mit größerer Sicherheit! Bei 85% unserer Produkte erscheint unser Angebot in allen drei großen Suchmaschinen an erster Stelle!

Insgesamt hat sich der Gesamtumsatz  - ja, ich sage es mit einem gewissen Stolz – im abgelaufenen Geschäftsjahr um 7,3% vergrößert, unser Gewinn sogar um satte 9,1%!

Wenden wir uns jetzt den einzelnen Bereichen zu.

Bereich Events

Hier waren wir auf allen Größenskalen unterwegs.

· Unsere Expertise in der Veranstaltung größter, eine ganze Stadt oder eine ganze Region erfassender Events haben wir seit einem Jahrhundert unter Beweis gestellt, sie wird  allgemein anerkannt. Die drei Großereignisse des abgelaufenen Jahres – Berlin, Stuttgart, Rostock – sind noch in aller Erinnerung. Das ist zwar ein Event weniger als im Vorjahr, dennoch: die Zahl der äquivalenten Teilnehmer stieg sogar um 3% an, Umsatz und Gewinn um 5,1 respektive 6%. Es waren eben besonders große Ereignisse!

· Ähnlich gut war die Entwicklung bei den mittleren Events, den Kongressen, Tagungen, Großkonzerten, Pop-Festivals usf. Herausragend: Die 50. Große Welt-Klimakonferenz im vom steigenden Meeresspiegel bedrohten Rotterdam. Zwar war auch diese Konferenz in der Sache erfolglos, aber uns hat sie einen guten Beitrag geleistet zu Umsatzsteigerung (11%) und Gewinn (7%) in diesem Geschäftsbereich.

· Weniger stolz ist unsere Bilanz im Bereich der kleinen und individuellen         Events. Firmenfeste, Familienfeiern, festliche Totenbegängnisse ... hier haben wir die Konkurrenz kleiner lokaler Veranstalter noch nicht völlig aus dem Felde schlagen können. Soziologen glauben sogar beobachtet zu haben, dass Familienfeiern immer mehr von den Familien selbst ausgerichtet werden. Unser Ergebnis vom Vorjahr konnten wir nur knapp halten. Die vorliegenden Analysen lassen auch in absehbarer Zukunft keine durchgreifende Besserung erwarten, auch nicht, wenn wir unsere ganzen finanzielle Handlungsmacht ins Spiel bringen. Wir glauben, dass hier auch ein sehr großes Engagement sich nicht wirklich auszahlen wird.
 

Kommen wir zum

Bereich Entertainment

Hier beruht das Ergebnis traditionell auf einer außerordentlich hohen Zahl kleiner und kleinster Veranstaltungen,

· von kleinen öffentlichen Jahreszeitfeiern hin zum Kasperletheater für Kinder;
· von Filmvorführungen und kleinen Konzerten bis hin zu Mittelalter-Rollenspielen;
· von der Vermietung unserer Immobilien an dritte Anbieter
· bis zu ihrer Umwandlung in Indoor-Spielräume;
· von der Erlebnisgastronomie bis zur politischen und Kabarettbühne im kleinen feinen Rahmen.

· Stichwort Kabarett: Unser Beschluss zur Übernahmeg dieser Sparte war nur teilweise ein Erfolg. Viel Geschehen konnten wir auf diesem Gebiet gleichschalten, zumindest neutralisieren, und uns selbst damit einen fortschrittlichen Anstrich geben. Andererseits gibt es immer noch widerspenstige Kabarettisten, die sich jeder Einbindung widersetzen, die in der Unabhängigkeit des Denkens und Redens geradezu ihr Lebensziel zu sehen.

Insgesamt kann das Ergebnis im Bereich Entertainment sich sehen lassen: plus 8% Umsatz, plus 9,3% Gewinn!

Schließlich der

Bereich Wellness

Sie wissen, hier sind wir zum einen im Bereich großer, früher teilweise als karitativ angesehener, heute durchweg streng gewinnorientierter Unternehmungen tätig. Vielfach handelt es sich um Einrichtungen die wir im Namen und auf Kosten des Staates betreiben. Unsere
· Krankenhäuser,
· Kinderverwahrungen,
· Schulen,
· Gefängnisse,
· Obdachlosenunterkünfte,
· Zentren für Sicherungsverwahrte
· Flüchtlings- und Asylantenlager
· Sterbehäuser
haben sich  - jetzt da wir praktisch eine Monopolstellung erreicht haben – als wahre "cash-cows" erwiesen. Sie tragen weit mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes und des Gesamtgewinns bei. Gewachsen ist der Umsatz in diesem Bereich um 8,2%, der Gewinn um 9,9%. Der hohe Gewinn ist nicht zuletzt auf unsere restriktive Personalpolitik zurückzuführen: Die Summe der gezahlten Gehälter konnte noch einmal um 7,4% reduziert werden.

Zum anderen aber bieten wir individuelle Wellness- Leistungen an. In der öffentlichen Wahrnehmung ist diese Aktivität bedeutender als im wirtschaftlichen Beitrag. Der hohe Aufmerksamkeitswert beruht nach Ansicht unserer Tiefenpsychologen darauf, dass unsere Leistungen hier am engsten an Jahrhunderte lange Traditionen anknüpfen.
 
Lasse Sie mich einfach einige unserer Leistungen in Ihr Gedächtnis zurückrufen:

· Wir verbreiten – gegen gutes Honorar - in allen Medien allgemeine Lehren zur   
  Lebenskunst, von philosophisch begründetem Tiefsinn bis zu trivialen Alltagsweisheiten;

· Wir vermitteln dem Einzelnen die im Bereich der institutionalisierten Groß-Wellness
  verfügbaren Dienste;
· Wir erleichtern durch unsere Beratung dem Einzelnen die Einfügung in die bestehende
  Gesellschaft mit all ihren nicht weg zu leugnenden, von uns allen so sehr bedauerten
  Mängeln;
· Wir offerieren praktische Lebensberatung und setzen dazu alle bewährten Hilfsmittel ein,
  von der Psychoanalyse bis zum Erstellen von Horoskopen;
· Wir bieten Meditationsschulung und andere Techniken, auch aus dem esoterischen
  Bereich, zur Gewinnung innerer Harmonie. Unser Lach-Yoga und unser Spirituelles
  Kamasutra  haben sich erfolgreich im heiß umkämpften Markt etabliert.  Unsere
  Schweigeklöster haben sich als hochrentabel erwiesen;
· Soweit beim Einzelnen dafür Bedarf besteht, helfen wir ihm beim Aufbau einer gedachten
  höheren Instanz (nach alter Tradition "Gott" genannt), die ihm vom manischen Zwang des
  Selber-Denkens befreit und ihm so psychische Stabilität verleiht.

Sehr gut angenommen wurde ein im letzten Jahr erst in unseren Leistungskatalog aufgenommenes Angebot:
· Mystische Erfahrungen durch den kontrollierten Einsatz von Psychopharmaka und
  Gehirnstimulation mit elektrischen Feldern ("transkranielle Stimulation").

Dieser kleine, aber feine Bereich ist im abgelaufenen Geschäftsjahr um 14% im Umsatz gewachsen. Die Personalkosten konnten nicht wie erhofft abgebaut werden, so ist der Gewinn um nur 10% gewachsen.

Wir können also befriedigt feststellen:
· Nachdem wir in den vergangenen Jahrzehnten unser Aktivitätsfeld stetig erweitern
  konnten, was durch Verluste im Kernbereich auch unbedingt nötig war;
· Nachdem wir durch Vereinigung mit ähnlich aktiven Organisationen anderer europäischer
  Länder die Synergieeffekte gewachsener Größe wahrnehmen konnten;
· Nachdem unsere festen Beitragszahler immer weniger wurden, die allgemeine staatliche
  Alimentation aber sukzessive abgebaut wurde (vorgeblich aus Gründen der Gerechtigkeit
  gegenüber anderen Vereinigungen) und wir unser eigenes Arbeitsrecht verloren;
· Nachdem wir aber unsere Gewinne im erweiterten Umfeld durch streng wirtschaftlich
  orientiertes Handeln, insbesondere durch Personalabbau und Lohnkürzungen, steigern
  konnten;
· Konnte dieser Prozess der Umorientierung durch die Namensänderung vorläufig
  abgeschlossen werden.

Nach dem abgelaufenen Geschäftsjahr  können wir stolz sagen:

Unsere neue Ehrlichkeit hat sich gelohnt!

Ich sehe, die Gläser wurden gefüllt!

Bitte erheben Sie mit mir Ihr Glas:

Die evangelisch-protestantische Kirche Europas war gestern,
es lebe die Zukunft – es lebe die EEW!

Über unsere Pläne für diese Zukunft will ich jetzt sprechen .......
 

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