Vorbemerkung von Heinz G. Klug: Mein Freund Achim Wensien hat eine "Soziologie der türkischen Küche" geschrieben unter dem Titel "Halbmond in der Suppenschüssel". Ich konnte nicht widerstehen und habe die obenstehende Montage angefertigt. Aber natürlich habe ich Achim auch gefragt, ob es mit dem phantasievollen Namen etwas Besonderes auf sich habe. Daraufhin hat er einen Bericht über eine Reise in den Osten der Türkei  geschrieben, den ich nachstehend veröffentlichen darf.

Achim Wensien hat noch mehrere andere Bücher geschrieben. Wenn Sie mehr über den Autor und seine Bücher wissen wollen, dann folgen Sie diesem Link zu Achim Wensien!
 
 
 

Die Geschichte vom „Halbmond in der Suppenschüssel“
Ein Reisebericht aus Kurdistan
Im August 1974 nahm ich als Student an der Exkursion der ethnologischen Fakultät der FU Berlin in die kurdischen Gebiete in Südostanatolien teil. In einem abgelegenen kurdischen Bergdorf der Provinz Adiyaman verbrachte ich drei Wochen um Lebensbedingungen und Verwandtschaftsbeziehungen der Clans zu erkunden.

Nach langer Busfahrt über Ankara, Konya, Adana kam ich in der Provinzstadt an und erfuhr dass zum Dorf Karabucak nur ein Lastwagen mit offenem Kasten verkehrte, der nicht nur Menschen, Waren und Tiere transportierte, sondern auch die Post.

An der Haltestelle am öffentlichen Brunnen fiel die Menschentraube auf, wo offenbar auch Nachrichten und Gerüchte ausgetauscht wurden. Unter Kurden zu sein, habe ich an traditionellen Kleidern der Frauen, an ihrem Kopfschmuck und an den Pumphosen der Männer erkannt. Wo immer der Lastwagen angehalten hat, fehlten Ortsschilder. Dass ich an meinem Zielort war,  erfuhr ich in dem Moment, als mir einheimische Passagiere den entsprechenden Hinweis gaben.

Ich lief über einen einsamen Pfad, bis zu den Felsmassiven, als mich bellende vagabundierende Hunde auf das Dorf aufmerksam machten. Der Muchtar, sprich der Dorfvorsteher, empfing mich und führte zu den Behausungen.
Dann wies er mich ein, ich solle als sein Gast morgens und abends zu ihm kommen und an seinem Tisch, einem runden erhöhten Brett, auf dem Boden Platz nehmen. Ich übergab ihm Gastgeschenke, damit er sie unter den Bewohnern verteilte. Es waren Batterien, Taschenlampen, Hefte und Stifte, die in Notstandsgebieten begehrt werden.

Er wollte mich im Gastraum des Dorfes unterbringen. Ich erinnere mich genau:

Im kahlen Raum, mit Bett und Tisch, lade ich mein bescheidenes Gepäck aus, lege Unterlagen auf den Tisch. Man kann hier die sengende Hitze gut aushalten.
Als der Muchtar wieder kommt, empfiehlt er nachts hinter dem offenen Fenster zu schlafen.

Zur Notdurft muss ich eine Strecke zurücklegen. Man begibt sich in einen Holzverschlag, hat eine Grube als Toilette in Kauf zu nehmen und störende Schmeißfliegen einfach zu ignorieren.

Ich teile ihm meine Schlangenphobie mit, worauf er prompt anbietet, sein Bettzeug auf dem Holzgestell vor dem Fenster aufzuschlagen. Er wird mich schützen bis ich das Dorf verlasse.

Hier werde ich mich am Tag mit dem Forschungsmaterial befassen, meine Skizzen, Notizen und Erzählungen ordnen und systematisieren.

Am Abend stellt er mich den Bewohnern vor. Die Dorfgemeinschaft besteht aus sechs Haushalten, die miteinander verwandt sind.
An Tagen und Abenden, die ich hier verbringe, spielt sich das Gemeinschaftsleben auf dem Vorhof aus flachem glattem Felsblock ab, der die Behausungen miteinander verbindet. Sie sind primitiv errichtete Häuser aus Lehm, mit einer quadratischen Fensteröffnung, die man mit einfachem, tragbarem Fensterglas, in kalter Jahreszeit zusätzlich mit dickem Zeitungspapier abdichtet.

Als der Muchtar mir Einblick in sein Haus gewährt, nehme ich zur Kenntnis, dass alle anderen Behausungen nach demselben Prinzip gebaut sind. Die Familien leben in  dem einzigen Raum, von dem eine Ecke oder Nische mit Vorhang abgeteilt wurde, um Bettzeug, Textilien und privates hier zu verstauen.
Es trifft zu, die Umstände als „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“ zu bezeichnen. Das Wort  "Wohlstand" ist fehl am Platz, wenn überhaupt, dann erkennt man ihn an einem Kelim, am Spiritusherd und dem Transistorradio.

Die ärmliche Bauweise stellt trotz Mangel an Material und Möglichkeiten sicher, im Sommer der Hitze, im Winter der Kälte zu trotzen. Über dem Mauerwerk aus Lehm ist ein Gitterwerk aus Holzstämmen angebracht, das mit Schilf und Gras ausgelegt wird, oben darauf eine dicke Schicht aus Erde. Auf den flachen Dächern liegen Steinzylinder, die man regelmäßig über der Erdschicht fährt um sie zu befestigen.

Ich lerne Rezzo, den Vetter des Muchtar, kennen. Er übernimmt die Führung und begleitet mich bei den Ausflügen in die Umgebung. Wir sind oft auf karstigem Boden unterwegs. Auf dem naheliegenden Bergmassiv sind Scherben und Bruchstücke antiker Ziegelsteine zerstreut. Überreste von antiken Statuen fallen auf, riesige Köpfe mit Turban und ernsthaften Gesichtern. Sie könnten Götter der Kommagenen sein, eines antiken Volkes, das um den erloschenen Vulkan Nemrut Dag Spuren seiner bewegten Geschichte hinterlassen hat. Das Königreich wurde 17. v.Chr. ins Römische Reich eingegliedert.

Rezzo weiß nichts darüber, aber beschreibt einen Händler, der mit seinem Esel die Gegend abstreift, Scherben aufsammelt, zum Verkauf an die Touristen, denke ich.
Wir machen am Lieblingsort Rezzos Rast, setzen uns in dem Schatten des ausgehöhlten Felsmassivs nieder.

Ich erfahre von Gendarmen, die Menschen mit Razzien einschüchtern, auf Dauer aber Ruhe geben wenn man sie mit Tabak belohnt. Sein Vetter Husso würde sich nichts gefallen lassen, und zur Not von seinem Mauser-Gewehr Gebrauch machen.

Ich lerne auch Husso kennen, der an Politik interessiert ist, abends ständig BBC Sendungen in Türkisch hört. Er hält vom türkischen Staatssender nichts, weil er einseitig informiert. Husso verdingt sich im Straßenbau und saisongebunden auch auf den Baumwollplantagen in Cukurova.

Er beklagt sich über seine missgelaunte Frau, denn er hat sich eine jüngere Zweitfrau angeschafft. Sie würde ihm Kinder schenken.

Husso und Rezzo haben Träume: Bei der nächsten Gelegenheit, erfahre ich, würden sie das einsame Dorf verlassen und in die Stadt auswandern.

Ich lerne den Dorfschullehrer kennen, der ohne Frau lebt und sich über Schulbehörden beklagt, die ihm keine ausreichenden Lernmittel zur Verfügung stellen. Es hat sich eingespielt, an bestimmten Tagen jeweils eine Schulklasse zu unterrichten. Man sei sowieso weit weg vom Schuss. Auch er eröffnet mir, die Abgeschiedenheit und Enge des Dorfes nicht lange aushalten zu wollen.

Ich mache mich mit seelischen Zuständen vertraut, die eher Männer zum Ausdruck bringen, worüber in den Fachbüchern nichts zu entdecken war.

Frauen reden überwiegend Kurdisch und vermutlich wäre von ihnen in ihren Klageliedern mehr zu erfahren. An den Frauen hängt die meiste Arbeit; sie kriegen Kinder, besorgen Wasser, halten Wäsche und Haushalt in Schuss, ernähren die Familie.

Männer ziehen fort um Herden zu hüten, oder zur Saisonarbeit in die Städte.
Ich habe sie ständig „auf der Flucht vorm Alltag“ erlebt, man kann auch sagen, es treibe sie das Bedürfnis zu meditieren in die Ferne.

Die Ernährung ist mangelhaft und einseitig. Da es keinen Strom gibt, wird das Gemüse aus eigenem bescheidenen Anbau an Häuserwänden getrocknet und haltbar gemacht. Ich sehe an Häuserwänden Paprika, Erbsenschoten und Tomaten aufgeschnürt hängen. Das Fladenbrot wird täglich hergestellt und auf heißem Blech geröstet.

Was die amtliche Statistik als „lebensnotwendiges“ auf dem Land definiert, besorgen Dorfbewohner in Jutesäcken Mehl, Zucker, Salz, Zwiebeln, kiloweise Spiritus, Kernseife und Margarine. Jedoch um diese Dinge anzuschaffen, müssen Männer das Dorf für längere Zeit verlassen, ihr Auskommen als Tagelöhner und Saisonarbeiter suchen.

Sowohl die Art, sich zu ernähren, als auch die Einrichtung, Haushaltsordnung und die Träume der Männer von besserer Zukunft zeugen vom Nomadendasein, oder von temporärer Sesshaftigkeit. Ich kann mir vorstellen, dass die Haushalte in Fällen der Verfolgung und vom staatlichen Terror bedroht, leicht aufgelöst werden.

Was mir der Muchtar in warmen Nächten vorm offenen Fenster des Gastraums geklagt hatte, als er sich auf Überlieferungen der Vorfahren  bezog, traf ein. Er hat zwei Gendarmen abgefangen, die genaueres über den Fremden wissen wollten. Ich habe die kurze Unterredung von der Ferne beobachtet, die deshalb kurzweilig ausfiel, weil es ihm gelang, sich die Soldaten durch geschenkten Tabak vom Hals zu halten. Später berichtete er mir, die  Soldaten soweit informiert zu haben, dass ich sein Gast aus Istanbul sei, der durch die Gegend reist und Fotos macht.

Vom Glück zu sagen, dass sie mich nicht aufforderten, Personalausweis oder gar den angeblichen Fotoapparat auszuhändigen. Denn im selben Jahr hat die türkische Armee Nordzypern besetzt. Die von linken Gruppen angeheizte Rebellion landloser Bauern, die örtlich zu illegalen, bewaffneten Landbesetzungen führte, waren ausreichende Gründe, aus bloßem Verdacht hin jemanden festzunehmen.

Trotz ärmlicher Verhältnisse, die ich vorfand, sind mir Bewohner des Dorfes herzlich und gastfreundlich begegnet.

Die kurdische Sitte schreibt vor, den Gast zu ernähren, für Unversehrtheit von Leib und Leben des Gastes zu sorgen - wenn notwendig, bis zum Äußersten. Man würde zum Schutz des Gastes sogar zum Gewehr greifen.

Ich habe Kurden aufrichtig, zuverlässig im Handeln erlebt, was man ohne weiteres nicht auf die türkische Mentalität übertragen kann.

Ich notierte, dieser Unterschied dürfte bedingt sein durch Konfrontation mit harten und extremen Lebensbedingungen, die gegenseitige Hilfe in der Not erforderlich machen. Die Menschen sind davon überzeugt, dass sie nicht nur eine Verpflichtung sei, sondern vielmehr Ehrensache.

In der unwirtlichen, gottverlassenen Gegend wurde mir „totale Gastfreundschaft“ zuteil. In Obhut des Muchtar, dessen Schutzbefohlener ich geworden war, konnte ich im Gastraum wohnen und arbeiten.

In den Vollmondnächten, ohne Strom, saßen wir – der Muchtar, Rezzo, Husso, die Frauen im Schatten -  auf dem Vorhof, speisten, redeten und horchten dem Transistorradio. Es muss eine dieser Nächte, um die Suppenschüssel, gewesen sein, als wir Holzlöffel in die dünne fettarme Brühe eintauchten:  Ich sah Kreise entstehen, die Halbmonde reflektierten.
 

Nachwort aus historischer Sicht:

Bei der Niederschrift meiner „kleinen Soziologie der türkischen Küche“ sah ich mir neben den vergilbten Rezepten meiner Mutter auch ihre Fotos an, und verglich die Botschaft, die sie ausstrahlen, mit meinen realen Erlebnissen unter Kurden.
Auf dem Foto sind junge, frischgebackene Lehrerinnen zu erkennen, die im Pferdewagen, Gewehr bei Fuß sitzend, in heiterer Laune posieren. Sie sind bewaffnet, getreu der mündlichen Überlieferung auch in der Lage „Raubüberfälle kurdischer Wegelagerer“ zu vereiteln.

In kritischer Rückschau werde ich den Eindruck nicht los, dass auf dem Foto der Enthusiasmus junger republikanischer Bildungskader, selbst beim Einsatz in den Notstandsgebieten, dokumentiert werden soll. Es ist in den Jahren aufgenommen, als in der Volksbildung die nationale und kulturelle Hegemonie des türkischen Staates, mit allen verfügbaren Mitteln durchgesetzt wurde. Leider kann ich meine verstorbene Mutter nicht um die Hintergründe fragen.

Beide Bestrebungen -  einerseits die absolute türkische Dominanz durchzusetzen, andererseits die  kurdische Souveränität mit Waffengewalt zu erzwingen -  werte ich als verblichene Ansprüche von Gegnern, die seit 1937 in kriegerische Auseinandersetzungen verstrickt sind. Den Beweis dafür liefert die Annäherung, welche die türkische Staatsführung ebenso wie die kurdische Guerillaführung jetzt in Gesprächen suchen.

In meiner Küchensoziologie mit dem Titel "Halbmond in der Suppenschüssel" wird über Rezepte und ihre Hintergründe geplaudert und am "Gerüchtekessel" politisiert. Aus der Geschichte des Osmanischen Reiches  wird überliefert, dass die Janitscharen,  - die Elitetruppen des Sultans – durch Anheben des Kochkessels  ihre Rebellion einleiteten.

Es sind derzeit weit und  breit keine Anzeichen in Sicht, dass kurdische Janitscharen Anstalten machen, "den Kochkessel zu heben".

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